Die letzten Sonnenstrahlen in Schönbrunn Pt. I: Blätter & Schönheit von außen und von innen

Die Tage sind merklich kürzer, die Sonnenstrahlen wärmen uns angenehm ohne uns den Schweiß aus den Poren zu treiben. Wir suchen sie, die letzten goldenen Tage. Wir saugen sie in uns auf, weil wir wissen, dass sie weniger werden und wenn das nächste Mal die Sonne wirklich wärmt, werden wieder einige Monate vergangen sein. Dennoch hat genau diese Stimmung ihren eigenen Charme und ihre eigene Schönheit.

Blätter, vor allem die bunten, sind eine meiner großen fotografischen Lieben (gibt es Plural von Liebe?). Ich liebe es, wenn sie von der Sonne angeleuchtet werden. Wenn sie mit Wasser betropft sind. Wenn sie in all den Farben des Spektrums leuchten. Wenn sie matt und trocken raschelnd den Boden bedecken. Blätter sind von unscheinbarer Schönheit, vor allem einzeln betrachtet. Jedes für sich ist ein Unikat, jedes hat seine eigenen perfekten und unperfekten Stellen, jedes hat seine eigene Geschichte zu erzählen und jedes einzelne wird zum Motiv, wenn man sich ihm widmet. Selbst die vertrocknetsten Blätterskelette können, aus manchen Perspektiven betrachtet, Schönheit verkörpern.

Das ist es mitunter, was ich an der Fotografie liebe. Das sich-auseinandersetzen mit Motiven, sie genau betrachten und den Blickwinkel finden, der zeigt, was sie sein können. Genau hinschauen und Unscheinbares entdecken. Manchmal auch Schönheit im Hässlichen finden.

Und dann frage ich mich: wieso machen wir das bei leblosen Dingen, aber nicht bei Menschen? Wieso nehmen wir uns so selten die Zeit, das Schöne in anderen zu erkennen und zum Vorschein zu bringen? Wieso suchen wir nach der verborgenen Schönheit von Dingen, die nicht sprechen können, während wir für die innere Schönheit von Menschen so oft keine Zeit haben? Auch einer meiner letzter Artikel handelt von diesem Thema.

Als wir an einem Oktoberwochenende meinen Wunsch erfüllten, eine Semmering-Wanderung zu machen, trafen wir einen Mann. Eigentlich trafen wir einen Hund. Denn am ersten Aussichtspunkt schnüffelte mir aufgeregt eine schwarze, feuchte Nase entgegen. Ich kraulte einmal kurz den Kopf (und hatte natürlich schon wieder mein Herz verloren), widmete mich dann aber dennoch dem Ausblick, auch, um nicht unhöflich zu sein (fremde Menschen und ihre Hunde, man weiß ja nicht so genau ob die das mögen). Wie das bei solchen Wanderungen am Land nunmal ist, begegneten wir uns kurze Zeit darauf am Weg wieder. Der Hund begrüßte mich wie eine alte Freundin, verfing sich vor lauter Begeisterung kurz in meinem Tuch und um mich war es natürlich komplett geschehen. Scherzhaft sagte ich zum Besitzer „nicht, dass ich ihn noch mitnehme.“, worauf er mit einem leicht gequälten Lächeln sagt: „Naja, einer muss ja auch bei mir bleiben.“

Der Mann war – im Gegensatz zu mir – alleine unterwegs und in dieser Aussage lag soviel Schmerz wie ich vermutlich in meinem ganzen Leben noch nicht von einem völlig Fremden in nur einem Satz wahrgenommen habe. Er wirkte freundlich. Vielleicht um die 40, rundlich, mit Halbglatze. An sich unauffällig. Nicht mit dem besten Aussehen beschenkt, aber warum ist das immer noch so wichtig? Diese Frage dreht sich seit Wochen häufig in meinem Kopf. Warum kommt man in einer jahrhundertelang zivilisierten Gesellschaft immer noch nicht über die grundlegenden Muster von Säugetieren hinweg?

Warum ist es wichtig, wieviele Haare wir haben? Warum fühlen wir uns menschlich unzulänglich, weil unser BMI zu hoch oder zu niedrig ist? Warum halten sich alle für schlau, aber nicht für schön? Wäre es nicht manchmal anders rum besser? ^.^

Im Grunde braucht es nicht viel. Kein Mensch braucht 100 Freunde – aber wenigstens einen. Und deswegen wünsche ich mir für jedes Kind, das vielleicht das Pech hat, in diese Gesellschaft geboren zu werden ohne ganz den optischen Anforderungen zu entsprechen, dass es auf ein anderes Kind trifft, dessen Eltern es ermutigen, ihm eine Chance zu geben, damit es seine wahre Schönheit entfalten kann. Denn wer in der Kindheit alleine gelassen wird, hat es auch später oft schwer…

Den Text bis hierher habe ich geschrieben, kurz nachdem wir diesem Mann begegnet sind. Einige Wochen später entdeckte ich die Blogparade #NoMobbing. Ich finde, das ist ein enorm wichtiges Thema, sowohl für Kinder als auch für Erwachsene, weswegen ich mich daran auch beteiligen möchte.

Ich war als Kind an sich (und bin es bis heute) ein Gerechtigkeitsfanatiker. Ich habe Menschen meistens nur dann abgelehnt, wenn sie mir einen Grund dazu gegeben haben und habe es selten geglaubt, wenn mir andere von jemandem abgeraten haben – auch wenn ich damit dann oft genug auf die Nase gefallen bin.

Während ich einige Artikel zur Parade gelesen habe, hat auch meine Erinnerung gearbeitet. Bei den ersten Artikeln kommentierte ich, dass ich nichts mit Mobbing zu tun hatte und mir sowas nicht begegnet ist. Beides stimmt nicht, denn leider habe auch ich einmal ein Mädchen schlecht behandelt. Ich kann bis heute nicht sagen, warum es dazu gekommen ist. Es war Tenniscamp, wir waren zu dritt eine Woche lang in der Gruppe, eine Freundin, ein unbekanntes Mädchen und ich. Warum wir sie nicht aufgenommen haben weiß ich heute nicht, weil das eigentlich nie meine Art war. Vermutlich durch die Dynamik mit meiner Freundin, da wir ansonsten immer in einem gewissen Wettkampf standen – und wenn einmal dieser Schalter fällt, dann ist es schwer, ihn wieder umzulegen, obwohl ich gegen Ende der Woche schon ein richtig schlechtes Gewissen hatte. Ich weiß noch, dass ich versucht habe, aus dem Muster rauszukommen, aber meine Freundin hat mich immer wieder aufgestachelt und so war es für das dritte Mädchen vermutlich eine ziemliche Horrorwoche. Ich habe bis heute ein schlechtes Gewissen und würde mich wohl immer noch gerne bei ihr entschuldigen. Jedenfalls habe ich mich durch und durch falsch verhalten – und war mir dessen bewusst. Es gab nicht mal einen Grund dafür, es ist einfach passiert – weil ich es konnte und weil ich mitgezogen wurde. Und es fühlte sich furchtbar an. Ich habe niemals wieder etwas Ähnliches gemacht und als Wiedergutmachung immer wieder versucht, einzugreifen und zu helfen, wenn mir etwas Derartiges aufgefallen ist. Ich war damals 9 Jahre alt und halte bis heute daran fest.

Dass es Mobbing bei Kindern und Jugendlichen gibt und wie furchtbar die Folgen davon sein können – das wissen wir, auch wenn nicht-Betroffene sich das Ausmaß vermutlich nur schwer vorstellen können. Mobbing endet aber nicht mit dem Erwachsenwerden und vermutlich werden mehr Menschen als man denkt Opfer von solchem Fehlverhalten anderer. Das ist auch mir passiert. Zweimal. Und beide Male auf eine ähnliche Art und Weise. Beim ersten Mal betraf es meine Studienkollegin, mit der ich Praktikum in einer Eventagentur gemacht habe. Nach einiger Zeit bin ich dahintergekommen, dass sie mich fälschlicherweise angeschwärzt und Lügen über mich erzählt hat – weil sie nach dem Praktikum dortbleiben wollte und mich sicherheitshalber rausekeln. Da ich kein Interesse hatte, in dieser Firma Wurzeln zu schlagen, hatte sich das Problem nach ein paar Monaten von selbst erledigt und außer, dass es mich genervt hat, hatte es keine sonderlich schlimmen Auswirkungen. Beim zweiten Mal war es wesentlich schlimmer – zumal es das zweite Mal war und dann die Fragen beginnen: was mache ich falsch? Habe ich meine soziale Kompetenz verloren? Ich war immer ein extrovertierter Mensch, dem es nicht allzu schwer fiel, mit Leuten in Kontakt zu kommen und irgendwie klappte es nicht mehr. In der FH hatte ich mich nicht wohlgefühlt, das Praktikum war gewissermaßen in einem sozialen Fiasko geendet und mein erster Vollzeitjob sollte ebenso beginnen.

Beim Probearbeiten war es super und das Team hat mich freundlich behandelt, mit mir geplaudert, alles war in Ordnung. Ich fing an, hatte erstmal ein paar Tage Schulung, bevor ich in die Abteilung kam – und plötzlich war alles anders. Meine Chefin war ein sehr sachlicher Mensch und meine anderen beiden Kolleginnen schwiegen mich an. Meine Kommunikationsversuche scheiterten kläglich. Während wir es in der Runde der „Neuen“ sehr lustig gehabt hatten, herrschte in meinem Team mir gegenüber eisiges Schweigen. Ich wurde nicht oder nur widerwillig zum Essen mitgenommen, mehr als „Guten Morgen“ und „Tschüß“ wurde mit mir nicht gesprochen. Da ich neu war kannte ich natürlich auch außerhalb der Abteilung niemanden, ich wusste nicht, wer zu wem gehörte und wer mit wem befreundet war oder mit wem ich hätte reden, wen ich um Unterstützung hätte bitten können. Ich verzweifelte langsam, weil so ein Zustand mehr als energieraubend ist und hoffte, meine Chefin würde mich eines Tages darauf ansprechen, da es ihr ja immerhin auch auffallen musste. Das tat sie aber nicht. Nach etwa 3 Monaten – die sich in meiner Erinnerung wie 3 Jahre anfühlen – habe ich sie um ein Gespräch gebeten. Noch heute muss ich sagen, dass ich das in ihrem Aufgabenbereich gesehen hätte, aber ich bin stolz auf mich, den Schritt getan zu haben. Ich habe sie gefragt, ob ich etwas falsch gemacht habe und ob sie weiß, warum die Stimmung mir gegenüber so war wie sie war. Sie konnte dazu eigentlich nicht wirklich viel Hilfreiches sagen, außer mir zu bestätigen, dass meine Kolleginnen wohl ein Problem mit mir zu haben schienen, das auf der menschlichen und nicht auf der beruflichen Ebene lag.

Besonders schwierig ist es, wenn man die Menschen nicht kennt und einschätzen kann, denn wie ich im Laufe der Zeit herausgefunden habe, hatte sich die Geschichte meines Praktikums einfach wiederholt. Ich war jung, hatte eine Ausbildung, war engagiert und motiviert – und eine Gefahr für meine ältere Kollegin, die versucht hat, mich rundherum schlecht zu machen und meine andere Kollegin davon abzuhalten, mit mir zu sprechen.

Ich habe all meinen Mut zusammengenommen (nachdem ich herausgefunden hatte, wer wo wie verantwortlich war) und sprach mit der Kollegin, die die „Mitgefangene“ war und langsam entspannte sich unser Verhältnis, da sie merkte, dass ich nicht so unsympathisch war, wie ihr die andere immer einreden wollte. Mit der Zeit traute ich mich auch mit anderen zu reden und fand immer mehr Anschluss. Ich erfuhr, dass ich lang nicht das erste Opfer der guten E. war. Der schönste Tag war der, als bei uns Büros übersiedelt wurden und ich endlich nicht mehr mit ihr in einem Zimmer sitzen musste. Ich hatte dann kaum noch mit ihr zu tun und habe mich letztendlich im Team sehr wohl gefühlt.

Heute bin ich wirklich stolz darauf, dass ich dieses Problem angegangen bin und gelöst habe. Ich hätte auch einfach kündigen können, aber ich wollte nicht aufgeben. Als ich dann das Unternehmen verlassen habe, wurde ich von allen mit einem riesigen Berg Geschenke und herzlicher Worte verabschiedet. Außerdem weiß ich jetzt auch, dass meine unbewusste Angst und Sorge, dass sich so etwas wiederholen könnte, nicht gerade hilfreich war – Stichwort „Gesetz der Anziehung“. Letztendlich waren es drei harte Monate und die Sache ist gut für mich ausgegangen. Zum Glück. Weil ich in den vielen Jahren davor immer Glück hatte. Weil ich ein gutes soziales Netzwerk außerhalb der Arbeit habe. Kinder haben das nicht. Darum möchte ich den Aufruf von weiter oben noch ausweiten: ich wünsche es nicht nur den Kindern, ich wünsche es jedem. Wenn ihr merkt, dass eine einzelne Person von einer Gruppe anderer Menschen ausgegrenzt wird, gebt demjenigen eine Chance. Es ist so unendlich viel wert, wenn man merkt, dass einem jemand die Hand reicht. Und glaubt mir eines: das vergisst man nicht.