Lost Place – Verlassenes Gefängnis im Osten oder wenn es an [Wort] Loyalität fehlt

Im Mai verbrachte ich ein paar Tage in Berlin, weil ich dem Herzjungen zu Weihnachten zwei Lost Place-Touren in der Gegend geschenkt hatte. Von der Lungenheilanstalt habt ihr ja schon einiges gesehen – das Gefängnis hat ein Weilchen gebraucht, um den richtigen Aufhänger zu finden. Dieser kam mit einem der ersten Wörter, das mir geschenkt wurde:

Loyalität

Das Wort hat mir die liebe Moni geschenkt, eine meiner treuesten Leserinnern, die mich fast seit Anbeginn hier im Episodenfilm begleitet. Es ist – wie ich finde – ein sehr schönes Wort. Ein großes Wort. Ein bedeutsames Wort. Ein Wort, das für mich ganz oben auf der Liste der Eigenschaften steht, die ein Mensch leben sollte.

Loyalität, was heißt das eigentlich?

Der Duden sagt, das Wort kommt aus dem französischen und betitelt folgende Synonyme: Anstand, Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit, Fairness, Geradheit, Geradlinigkeit, Integrität, Lauterkeit,Rechtschaffenheit, Redlichkeit, Unbescholtenheit, Unbestechlichkeit, Vertrauenswürdigkeit,Wahrhaftigkeit, Zuverlässigkeit.

Es ist demnach ein positiv besetztes Wort. Und heute ein seltenes Gut geworden.

Sich jemandem loyal gegenüber zu verhalten heißt: nichts tun oder sagen, das dem anderen schadet. Loyalität ist aus Freundschaften und Beziehungen nicht wegzudenken und oft trotzdem nicht vorhanden, da Loyalität sich oft nicht mit Egoismus vereinbaren lässt.

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Loyalität kann auch bedeuten, dass man dem anderen gegenüber auf etwas verzichten muss. Dass man einem Arbeitgeber, der einem über lange Zeit verlässlich eine Existenzgrundlage bietet, nicht den Rücken kehrt, weil es einmal nicht so gut läuft – gleichzeitig auch, dass man nicht gekündigt wird, wenn man einmal krank ist und nicht funktioniert. Dass man nicht mit einem bedeutungslosen Flirt ins Bett hüpft, nur weil es der andere nicht bemerken würde. Dass man Konflikte in einer Freundschaft mit der betreffenden Person klärt – und nicht mit allen anderen. Dass man einem regionalen Anbieter, der fair produziert, mehr Geld bezahlt als jemandem, der seine Produktion in Billiglohnländer ausgelagert hat.

Dass man seinen Nachbarn nicht verrät, weil er den falschen Radiosender hört oder nicht systemkonform denkt.

Loyalität ist das Gegenteil des Tinder-Phänomens. Loyalität bedeutet auch, nicht hinter jeder nächsten Ecke auf eine bessere Gelegenheit für sich selbst zu warten. Es bedeutet auch: sich einlassen, sich ausliefern. Denn selbst loyal zu sein birgt immer die Gefahr enttäuscht, vielleicht sogar verletzt zu werden. Es ist manchmal ein Vertrauensvorschuss.

Loyalität ist ein Wort, das in diesen Bildern keine Bedeutung hat. Es ist ein Wort, das während des Nachmittags innerhalb dieser Mauern immer ein wenig mitgeschwungen hat. Besser gesagt: das Unverständnis über den Mangel dieses Zustandes. Das Entsetzen darüber, wie man Menschen durch Politik so entzweien kann, dass sie ihre Nachbarn und Freunde, vielleicht sogar ihre Familie verraten, ausliefern.

Es ist ein Wort, das eine Eigenschaft beschreibt, die ganz hoch gehalten werden sollte. Von jedem einzelnen. Damit sowas nie wieder möglich ist.

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Es ist eine bedrückende Atmosphäre. Kaum vorstellbar, wie die Häftlinge in diesen kleinen Zellen ohne Heizung leben konnten. Als Toilette diente ein einfacher Metalleimer. Die Abdrücke der Eimer sind noch heute im Boden erkennbar. An den Wänden befinden sich Kritzeleien: "Hotel zum trockenen Kanten" oder "Die Liebe ist schuld" steht dort geschrieben.

Ihr wollt mir auch ein Wort schenken? Dann bitte einmal hier entlang. Oder einfach im Kommentar hinterlassen 🙂

52 Replies to “Lost Place – Verlassenes Gefängnis im Osten oder wenn es an [Wort] Loyalität fehlt”

  1. Ich bin hingerissen. Toller Beitrag, tolle Fotos. Merci bien, Stefanie

  2. Uff…schon ein wenig gruselig, aber es hat auch etwas morbides und trauriges zugleich. Kann mir so richtig gut vorstellen, wie die Stimmung vor Ort sein muss. Schöne Aufnahmen!

    1. danke liebe ginni! ja, es ist eine bedrückende atmosphäre, keine frage. aber es war einfach unglaublich spannend, sich vorzustellen, wie es damals gewesen sein musste…

  3. Ich finde die Bilder ganz genial. Du hast das der Stimmung entsprechend perfekt umgesetzt… Und auch den Text und das Wort wunderbar verarbeitet. Ein rundum gelungener Beitrag. Und jetzt kann ich mir auch endlich vorstellen was genau Du mit den geschenkten Wörtern vor hast. Es bleibt (wie immer) spannend 😉

    1. dankeschön ❤ ich freu mich, dass ich endlich die passenden worte dafür gefunden habe. sie waren zu schade, um einfach "nur" als galerie online zu kommen. also hat das wort-schenk-projekt schon seinen ersten zweck erfüllt.
      der beitrag zu deinem wort ist übrigens schon fertig, ich weiß nur noch nicht, wann er online kommen wird 🙂

  4. Coole Bilder. Wenn diese Räumer erzählen könnten!
    Kommt man da einfach so rein oder muss man sich anmelden oder einfach nur 5 Minuten schwitzen?

    Gruß
    Oli

    1. oh ja oli, wie oft habe ich mir das schon gedacht! das wäre der wahnsinn.
      nein, da kommt man nicht einfach so rein – ich hatte ganz offiziell eine tour gebucht. kostet 30€ für einen nachmittag und man darf überall individuell hin!

  5. Vielleicht schwingt auch ein Bisschen Loyalität mit, wenn man an die denkt, die WEGEN Loyalität ihre Tage in diesen Mauern fristen mussten, weil sie eben nicht verraten haben und einen der höchsten Preise für ihre eigene Loyalität zahlen mussten. Ein Lichtblick? Vielleicht ein Bisschen…

    Jedenfalls wunderschöne, stimmunfsvolle Bilder, am genialsten find ich das von der „Notdurftanstalt“ mit dem Rotstich 🙂

    Wie lang kann man denn noch Begriffe schicken? Ich bin zwar eigentlich sehr lingouphil, aber mit solchen Anfragen konfrontiert tut sich immer ein kleines schwarzes Loch in meinem Sprachzentrum auf ^^ mir ist bis jetzt noch nichts „gscheites“ eingefallen…

    1. so hab ich es noch gar nicht betrachtet. danke für den kleinen optimistischen aspekt in der ganzen ziemlich düsteren geschichte. und danke auch für die worte zu den bildern. es freut mich wirklich, wenn das gelungen ist!
      begriffe schicken ist auf unbestimmte zeit geöffnet. bisher habe ich 4 bekommen und 3 texte fertig aber noch viele beiträge ohne worte. also wann auch immer dir was einfällt, immer her damit 🙂

      1. Freut mich, wenn ich die Düsternis ein Bisschen aufhellen konnte 🙂
        Weißt ja, ich liebe deine Bilder 🙂 da tut man sich nicht schwer mit Lob 😉
        Na gut, dann werd ich mal schaun, ob nicht doch der eine oder andere Begriff dem schwarzen Loch entwischen kann.

        1. ja, konntest du 🙂 und: dankeschön! das freut mich immer wieder und du kannst es gar nicht oft genug sagen 😀

  6. Liebe Paleica,
    ich hatte auch mal nachgeschlagen, welche Bedeutung dem Wort Loyalität zugeschrieben wird und musste zu meinem Bedauern feststellen, dass auch die Synonyme heutzutage nicht mehr hoch im Wert stehen. Etliche werden als altmodisch, von gestern, realitätsfremd und/oder blauäugig abgeurteilt. Wer sie benutzt, hat allem Anschein nach die falsche Einstellung zur heutigen Zeit. Und das alles finde ich so traurig….
    Dein Beitrag ist super, Du hast die richtigen Worte gefunden und die Bilder passen hier auch gut dazu. Viel Leid und Schmerz wären verhindert worden, wenn Loyalität in der damaligen Zeit etwas gegolten hat, gell.
    Einen angenehmen Tag und lieben Gruß
    moni

    1. liebe moni, das ist schon traurig, gell. manchmal weiß ich nicht, wohin so eine welt führt. aber das ist halt in allen kulturen noch das problem mit dem wohlstand gewesen. der verdirbt ja schon sprichwörtlich den charakter. sehr traurig, eigentlich 😦
      danke für deine lieben worte, ich freu mich, dass dir die verarbeitung dazu gefällt!

  7. Sehr faszinierende Fotos und ein paar wirklich wahre Worte! Du regst wie immer zum Nachdenken an 😉

  8. War sicher nicht ganz unheimlich dort. Finde bei solchen Orten es meistens schwer die erlebte Unruhe auch einzufangen, was man bei dir aber gut sieht, bei den heruntergekommenen und kleinen Gefängniszellen.
    Loyalität ist auf jeden Fall eine wichtige Eigenschaft die ich auch gerne in Bewerbungsgesprächen betone 🙂

    1. dankeschön – es freut mich zu hören, wenn es gelungen ist. ich muss sagen, oben in den hellen etagen gings, vor allem weil da doch immer wieder andere fotografen rumgelaufen sind. unten im keller, als wir ganz allein waren, war es schon ziemlich gruselig.
      loyalität ist auch definitiv etwas, auf das man viel mehr pochen sollte 🙂

  9. Schöne Farben und tolle Kontraste. Besonders die Bilder mit den Überstrahlungen gefallen mir gut. Hast einen guten Blick für gute Fotos dabei gehabt.. 😉

    1. vielen dank 🙂 wenn mein kreuz mir nicht so zu schaffen gemacht hätte, hätte ich sicher noch einiges mehr im gepäck gehabt, aber ich bin ganz zufrieden, die stimmung finde ich habe ich ganz gut mitnehmen können. so ein altes gefängnis ist schon was eigenes.

  10. Hallo Christina,
    sehr schön geschrieben und schöne Bilder!
    Das ist doch das Gefängnis in Berlin Köpenick? Wollte ich auch mal hin. Meine 1. Lost Place Fototour hatte ich hinter mir her gehabt und suche momentan nach einer 2. Lost Places-Location.
    Liebe Grüße, Caro

    1. dankeschön für das lob, liebe caro! ja, das ist köpenick. ich finde, es lohnt sich in jedem fall, zumal die halbtagestour auch gar nicht so teuer ist.
      wo warst du denn bei deiner ersten tour?

      1. Hallo Christina, Danke für deine Antwort, ja, ich möchte diese Location auch fotografieren, ist schon in der Planung. 🙂
        Da du schon bei mir warst, weisst du ja schon Bescheid wo ich bei meiner ersten Tour war, in Lychen. Echt schön dort.
        Liebe Grüße, Caro

        1. oh ja, lychen ist toll! ich wollte ja eigentlich nach beelitz, aber als ich gebucht hab gab es dort grade keinen zugang. das werden aber bestimmt nicht meine einzigen touren bleiben. sind schon wirklich tolle orte.

          1. Nach Beelitz wollte ich auch zuerst. Jetzt gibt es dort wieder einen Zugang, ab 27.09 geht es wieder los. Bis Dezember. Das Whitney Houston Haus. Hab vorhin nach geguckt.

            1. oh schön! das zeitfenster ist für mich leider nicht gut, ich muss ja erst nach berlin fliegen, ist ja doch ein stück weit. schade. aber wer weiß, ein andermal.

    1. ja? wenn du lust hast, kannst du mir dann ja den link deiner bilder hierlassen, ich bin immer neugierig, was andere entdecken.
      die bilder aus eisenach sind ja toll, sehr stimmungsvoll!

  11. Liebe Christina, das ist wirklich ein toller Beitrag – in Wort und Bild. Inspirierend auch (ich such gerade en bißchen nach Bildern, daher auch keine Ruhe). Klasse!

    1. vielen dank lieber tms, was schöneres hättest du dazu nicht sagen können! die ruhe kommt schon noch 😉

  12. Liebe Christina,
    ich habe gerade durch eine Freundin den Link zu deiner Seite bekommen, diesen Artikel gelesen – nein, eingesogen – uns spontan auf den Follow-Button geklickt! Dieser Artikel ist ja wie ein Absatz aus der Bibel!

    Ich danke dir sehr, großartig geschrieben! Du hast einen Fan mehr.
    Liebe Grüße aus Griechenland, wo ich gerade verweile 😊

    1. vielen dank für deine lieben worte und dein follow, das freut mich sehr! und natürlich ein: herzliches willkommen im episodenfilm 🙂
      ganz liebe grüße nach griechenland, wo ich grade viel lieber verweilen würde 😉

  13. Ach, das erinnert mich ja schon ein bisschen an unseren Besuch in Alcatraz, obwohl es da irgendwie nicht ganz so verlassen aussah und mir auch alles etwas kleiner/beengter vorkam. Ich musste ja schon ein bisschen schmunzeln, als ich das Bild mit dem roten Wasserhahn sah – auf Alcatraz habe ich nämlich einen roten Hydranten fotografiert, die zwei wären ein hübsches Paar 🙂
    Mit Loyalität verbinde ich so spontan eher Begriffe wie ‚Treue‘ oder ‚Ergebenheit‘, vielleicht auch mit ‚Pflichtgefühl‘. Ich denke dabei eher an Soldaten und ihre Befehlshaber/Regierungen oder halt auch an das Verhältnis eines Mitarbeiters zu dem Unternehmer, bei dem er angestellt hat. Also halt eher im Zusammenhang mit dienen bzw. arbeiten als mit Beziehungen/Freundschaften. Vielleicht, weil es für letzteres irgendwie selbstverständlich ist zumindest sein sollte.

    1. alcatraz hätte ich ja zu gern gesehen, aber leider war keine zeit dafür. aber da ich mir fest vorgenommen hab, san francisco nicht das letzte mal besucht zu haben (immerhin hatte ich keine gelegenheit, fotos einer beleuchteten golden gate bridge zu machen!), wird das schon noch werden 🙂
      stimmt, das wäre tatsächlich lustig. überhaupt – wäre doch eine idee für ein kleines fotoprojekt im sinne der deutschösterreichischen freundschaft 🙂 mein wasserhahn, dein hydrant, ein blatt von dir, ein blatt von mir 🙂 wir könnten doch mal eine gemeinsame serie machen 🙂

      definitiv SOLLTE loyalität in privaten beziehungen selbstverständlich sein. vielleicht liegt es daran, dass ich zu oft schon die erfahrung gemacht habe, dass es nicht so ist und das schmerzlicher ist als im beruflichen umfeld…

    1. hallo mo, ich glaube, auf diese erfahrung verzichte ich lieber 😉 dann komm ich mal schauen, was sich hinter deinem link versteckt!

  14. Und wieder ein Lost Place- ich teile diese Faszination!
    Wahnsinnig tolle Bilder – und dabei schwere Kost.
    Mein größtes Kompliment hingegen, wie Du die Fotos zum Wort in Zusammenhang – oder meinetwegen auch direkten Gegensatz – gestellt hast.
    SEHR fein gemacht – WOW!!!

    1. ja, schwere kost war dieser ausflug wirklich. es war schon sehr bedrückend dort. drum war mir auch wichtig, worte dazu zu finden und die bilder nicht nur stillschweigend herzuzeigen. ich wollte ein wenig von dem gefühl transportieren. und wenn es mir gelungen ist, dann freut mich das sehr! danke für deine lieben worte!

  15. Phu und toll! Das Gefängnis steht schon lange auf meiner Todo. Deine Bilder animieren mich dazu, es endlich in Angriff zu nehmen.
    Lost Places sind einfach faszinierend.

    Liebe Grüße,
    Marc

    1. hallo marc, wenn du die gelegenheit hast, mach es unbedingt. ich fand es total faszinierend. gefängnis als solches war schon mal sehr spannend (immerhin kenne ich ja zum glück keins von innen!) und dann doch noch ein gewissermaßen zeitgeschichtliches. und die spuren der menschen, die es enthält…

    1. dankeschön, es freut mich sehr, wenn das gelungen ist! man merkt erst, wie bedrückend der ort ist, wenn man nach 2, 3 stunden wieder raus an die luft geht und die schwere von einem abfällt…

  16. Die Bilder finde ich unglaublich beeindruckend. So Lost Places haben immer eine sehr eigenartige Stimmung.

    Wie findest du die eigentlich?

    1. ich finde sie unbeschreiblich faszinierend, unheimlich, bewegend. es ist schon ein ganz eigenes erlebnis, so eine tour!!

  17. Und Lost Places! Die liebe ich auch!!! ❤️ Ein schöner Beitrag und ganz wundervolle Fotos. Herzlichen Dank dafür. 🙂

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