Über das Leben und dessen Ende.

Manchmal gibt es diese Zeiten im Leben, in denen Stille einkehrt. Stille im Herzen und im Kopf. Der Trubel und die Geschäftigkeit, die um einen herum herrschen, kommen kaum an einen heran. Aus irgendeinem Grund ist diese Stille bei mir in den letzten Wochen wieder aufgetaucht. Ich kann nicht sagen, woher sie kam oder wodurch, aber sie ist da. Das sind diese Zeiten, in denen mir Fremdes fremd bleibt und nur innerste Gefühle an die Oberfläche kommen.

Die Zeiten, in denen ich den „Nerv“ habe für Bücher und Filme, die sensible Antennen und ein offenes Herz brauchen. In denen ich diese Bücher und Filme brauche, um meinen Antennen Empfang zu geben und mein Herz zum Schlagen zu bringen.

Alles begann irgendwie im November, als mein Körper gerade meinte, mal ganz fest auf die Pausentaste treten zu müssen. Als ich nach ein paar Tagen daheim auf der Couch ein klein wenig aufnahmefähiger geworden war, fand der Film „Wenn Träume fliegen lernen“ wieder Gehör und damit waren auch die Pforten geöffnet für das vielleicht schwierigste Thema, mit dem man sich als Mensch manchmal befassen muss. Das Leben. Und dass es endet. Und die Frage, was bleibt.

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Der Tod scheint mir als etwas wie unser letztes richtiges Tabuthema. Tod hat heutzutage nicht viel Platz im Leben und ich weiß nicht, ob es das einfacher oder schwieriger macht. Interessanterweise bemerke ich, dass – gerade im Bereich Film und Literatur – zunehmend mehr Werke zu diesem Thema auftauchen. Vielleicht stehen wir an der Schwelle, dieses Tabu zu brechen. Denn warum ist es eigentlich so ein Tabu?

Weil wir Angst haben vor unserer eigenen Sterblichkeit?

Weil wir vielleicht noch mehr Angst vor der Sterblichkeit der Menschen haben, die wir lieben?

Weil wir uns alle gerne fröhlich und glücklich zeigen, weil weder am Arbeitsplatz noch in sozialen Medien noch sogar in der Familie gern Negatives gesehen wird?

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Viele Menschen haben wenig Verständnis für Trauer und Trauernde. Die ersten zwei Wochen nach einem derartigen Ereignis – und dabei muss es sich schon um eine sehr nahestehende Person handeln – fühlt sich das Umfeld zur Rücksichtnahme verpflichtet. Danach soll man dann langsam zur Normalität übergehen. Aber ist das wirklich alles, was wir emotional hinterlassen? Zwei Wochen – und dann ist alles wie zuvor?

Menschen sterben. Immer. Ununterbrochen. Überall. An manchen Orten noch mehr. Das Leben ist nicht fair. Andere Menschen erleiden Verluste. Immer. Ununterbrochen. Überall. Die Zeit kann nicht stehenbleiben, die Welt kann nicht aufhören, sich zu drehen. Aber Trauer darf Platz brauchen. Und Zeit. Natürlich ist es nach einem Verlust wichtig, bald wieder in den Alltag einzusteigen, auch um nicht die Verbindung zum Leben zu verpassen. Aber niemand hat das Recht, von einem zu erwarten, dass alles ist wie immer. Niemand hat das Recht, einem vorzuschreiben, wie lange man trauern soll oder darf.

Oft frage ich mich bei diesen Menschen, ob sie selbst nie jemanden verloren haben und ob sie selbst vielleicht niemanden so lieben, dass sie einen derartigen Verlust nachvollziehen können. Ob sie sich selbst die Trauer nicht zugestanden haben und finden, dass auch andere sich „zusammenreißen“ sollen.

Doch wozu führt dieser Umgang? Zu Menschen, die verdrängen, hinunterschlucken und mit ihren Gefühlen oft alleine bleiben, wo sie sich manifestieren und zu Feuerbällen formen, die nicht aufhören zu brennen.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass trotz allem Leben, das weitergeht, trotz allem Lachen, die Leere bleibt, die ein Mensch hinterlässt. Dass dieses Gefühl der Endgültigkeit nicht verschwindet. Dass das Vermissen hintergründiger wird aber nicht wirklich aufhört zu schmerzen. Es bestimmt nach einer Zeit nicht mehr den Alltag. Man denkt irgendwann nicht mehr jeden Tag, vielleicht sogar nicht jede Woche daran. Aber wäre es nicht entsetzlich, wenn wir vergessen würden?

Wenn Menschen sterben berührt mich das immer. Auch wenn ich die Person gar nicht kenne. Aber wenn mir ihre Geschichte erzählt wird, dann geht es mir nahe, dann kann ich Schmerz fühlen, der vermutlich gar nicht meiner ist. Wenn ich die Person kenne, selbst wenn es nur flüchtig ist, dann hinterlässt die Nachricht einen schalen Nachgeschmack und ein Ziehen zwischen Magen und Herz. Es hinterlässt ein Gefühl, das nicht fassbar ist. Trauer wäre in diesem Fall zuviel gesagt, das ist nochmal eine andere Facette. Aber es ist unbegreiflich. Ein Mensch, der eben noch da war, ist es nun nicht mehr. Eine Person, mit der man wenige Wochen zuvor noch Nachrichten getauscht hat, ist verschwunden. Man öffnet den WhatsApp-Chat und fühlt sich nur einen Klick entfernt, doch aus einem Häkchen werden nicht zwei und aus dem grau kein blau. Die Nachricht kann abgeschickt, aber nicht mehr empfangen werden. Ich kann wieder und wieder lesen, was wir geschrieben haben und in meinem Alltag hat sich nichts verändert, dennoch ist die Person am anderen Ende des Chats nicht mehr da. Facebook wird mir in ein paar Monaten vorschlagen, ihr zum Geburtstag zu gratulieren. Solange ich ihre Nummer nicht lösche, scrolle ich in der Favoritenliste immer über ihr Bild, als wäre nichts anders. In meinem Kopf höre ich noch ihre Stimme. Eines Tages wird die Nummer vielleicht jemand anderem gehören. Dann wird auf einmal ein fremdes Foto in meiner Liste erscheinen und ein fremdes Bild rechts über unserem Chat prangen. Dann werde ich auch nicht mehr das Gefühl haben, ihr doch fast gleich schreiben zu können.


 

Jeder Mensch findet seinen Sinn im Leben anderswo und das ist auch gut so. Ich denke, viele Menschen finden ihren Sinn in der Bedeutung, die sie für andere haben (das mag hoplrig ausgedrückt und nicht ganz ausgefeilt sein und man könnte Bücher damit füllen, aber lassen wir es einmal so stehen). Wir alle wollen doch Spuren in den Herzen derer hinterlassen, die wir lieben, wenn wir einmal fort sind. Niemand will nach zwei Wochen vergessen sein.

Das Tabu um den Tod ist ein Schutzmechanismus. Wenn ich ihm im Leben keinen Platz gebe, dann ist er nicht da. Wenn ich mich abschotte gegen die Gefühle einer Freundin, die ihren Partner verloren hat, dann schützt mich das vor der Angst, wie es wäre, meinen eigenen zu verlieren. Wenn ich auf den Verlust von Elternteilen mit „so ist das Leben“ antworte, hindere ich mich daran zu denken, wie ergraut die Haare der eigenen sind oder wie es geschmerzt hat Abschied zu nehmen.

Diese Strategie funktioniert nicht für alle. Für mich funktioniert sie nicht. Und ich wehre mich dagegen, mir sagen zu lassen, dass die Zeit alle Wunden heilt. Denn erst wenn man vergessen wird, dann ist man wirklich tot.

Galerie: Blick über den Wolfgangsee von Strobl.

Zum Schluss möchte ich eine Leseempfehlung aussprechen für ein Buch, das schon länger auf meiner Leseliste steht und dem ich mich ganz am Ende des letzten Jahres gewidmet habe:

buch_zwanzigzeilenliebe „Sorg dafür, dass dein Vater sich wieder verliebt. Iss jeden Tag Gemüse. Trau keinem Mann mit übermäßigem Bartwuchs. Tanz auf meiner Beerdigung zu Dean Martin. Nacht für Nacht bringt Stella diese und andere Zeilen zu Papier. Doch es sind nicht ihre eigenen Gedanken und Wünsche. Die Hospizschwester schreibt Abschiedsbriefe im Auftrag ihrer schwer kranken Patienten und überreicht deren Nachrichten, nachdem sie verstorben sind. Bis sie einen Brief verfasst, bei dem sie keine Zeit verlieren darf. Denn manchmal lohnt es sich zu kämpfen: Für die Liebe. Für das Glück. Für den einen Moment im Leben, in dem die Sterne am Himmel ein wenig heller leuchten …“

Dieses Buch hat mich seit längerer Zeit wieder einmal wirklich tief berührt und ich habe an manchen Stellen tatsächlich geweint. Auch wenn ich die Rahmenhandlung nicht ganz perfekt fand, die Briefe und vor allem einer der Nebenhandlungsstränge haben es so lesenswert gemacht wie lange schon kein Buch davor. Weil es manchmal wichtig ist, diesen Gefühlen die Tür zu öffnen. Zu wissen, dass das Leben endlich ist, auch das eigene. Dass wir dieses Schicksal mit jedem anderen Menschen teilen. Und dass das wichtigste von allem ist, sich selbst gerecht zu werden um eines Tages ohne Reue gehen zu können.