Venedig mit dem Apfelauge: Malerisches Murano oder dem [Wort] Dichtestress entkommen

Noch immer gibt es ein paar Bilder vom Muttertochterwochenende in Bella Italia im September 2015!

Um den Rücken zu schonen, ließ ich bei unserem Ausflug auf die kleine Nebeninsel von Venedig, Murano, die große Zuhause. Mit dem Apfel habe ich dennoch ein paar Momentaufnahmen mitgenommen und die möchte ich mit euch teilen. Sie passen auch gut zu einem der beiden Wörter, die mir Moni geschenkt hat.

„Dichtestress“ – das Unwort des Jahres 2014 aus der Schweiz. Eigentlich, ganz eigentlich, kommt das Wort aus der Ornithologie und bedeutet, dass, wenn zuviele Individuen an einem Ort sind, sich das Verhalten der Tiere ändert. 2014 wurde es in der Schweiz dann im Kontext der Migrationspolitik geprägt – genauer gesagt im Bezug auf die Masseneinwanderung. Ich bin jetzt allerdings so frei und wandle es ein wenig ab, da ich über zu wenig Wissen über die schweizer Politik verfüge, um dazu etwas Sinnvolles entstehen lassen zu können. Mir gefällt jedoch der Begriff, denn er bezeichnet ein Gefühl, das ich auf Reisen in beliebten Städten schon öfter gespürt habe, bisher aber nicht so konkret mit einem Wort betiteln konnte.

Es ist das Gefühl, wenn man nur mehr flach atmet, weil rund um einen herum soviele Menschen sind, dass sich die Luft dünn anfühlt und man angeekelt von zuviel Körpergeruch fremder Menschen ist (Venedig, Rialtobrücke).

Es ist der Wunsch, dass bloß keine Panik ausbricht, weil man in seinem Kopf den Hall von tausenden Füßen hört, die über einen Hinweg trampeln (Paris, erster Adventsamstag, Ubahn zur Champs-Élysées).

Es ist der Stress, sich durch die Menge zu drängeln, um seinem Alltag und täglichen Leben nachzugehen (Wien, am Weg zum TFM-Institut in der Hofburg).

Es ist der unangenehme Beigeschmack, der einen an all seinen Habseligkeiten festkrallen lässt, um für Taschendiebe keine leichte Beute zu sein (Rom, knapp vor der ersten Reihe am Trevi-Brunnen).

Es ist die Odyssee, in der man sich gefangen fühlt, wenn das Navi die 8-12 Autobahnspuren nicht differenziert anzeigt und man im dichten Kolonnenverkehr versucht, irgendwie die Stadt hinter sich zu lassen (San Francisco, auf der Suche nach der richtigen Interstate).

Es ist die Hitze, die sich um 8 Uhr Abends von den Menschen um einen herum aus allen Richtungen an einen anschmiegt und der man unmöglich durch weniger Gewand entkommen kann (Las Vegas, an einem Samstag im Juni).

Wenn ich meine Reisen so rekapituliere, dann gab es sowohl große als auch kleine Städte, in denen mir diese Momente des Dichtestress begegnet sind. Momente, in denen ich aus der Situation einfach nur weg wollte und mich durch und durch unwohl gefühlt habe. Das weitaus schlimmste Erlebnis dahingehend war sicherlich Paris, da ich wohl noch nie, nicht einmal auf einem Festival, soviele Menschen auf so engem Raum erlebt habe. Unwillkürlich fiel mir in den engen Gängen der Pariser Metro die Love Parade ein und ich hoffte nur, heil aus diesem Gedränge rauszukommen. Am häufigsten begegneten mir derlei Situationen sicherlich in Venedig. Wenn einem das eigene Tempo versagt bleibt und man nur in der Masse mitschwimmen kann, sobald man eine Hauptroute betritt. Aus diesem Grund habe ich wohl den Ausflug nach Murano so besonders genossen. Auf der Nachbarinsel ist alles beschaulich, keine Menschenmassen, keine Touristenströme, keine überfüllten Lokale, alles ist ruhig und gemütlich. Nach zwei Tagen in Venedig war das eine richtige Erholung, Zeit zum Durchatmen und vor allem auch wieder: im eigenen Tempo unterwegs sein und „echtes Italien“ spüren.

Dichtestress ist etwas, das man nicht nur als Tourist empfindet, wenn man sich in fremden Städten vor Sehenswürdigkeiten herumtreibt. Es ist auch etwas, mit dem die Einwohner dieses Ortes Tag für Tag leben müssen. Natürlich ist Tourismus wichtig, denn er ist oft eine zentrale Einnahmequelle und ermöglicht vieles. Dennoch bedeutet er auch Stress – und vermutlich in keiner anderen Stadt so sehr wie in Venedig. Tourismus ist für viele ein Fluch, aber für manche auch ein Segen, denn der Tourist will Klischees bedient wissen und stoppt damit vielleicht auch in zu großem Ausmaß natürliche Entwicklungen. Es ist ein Spagat, aber wir alle sollten irgendwo versuchen, ihn bewusst zu balancieren, wenn es uns möglich ist.