Wien im Glas: Erinnerungen an den Lieblingsort Schönbrunn im Frühsommer III

Die Glaskugel, oder das Oculus – ein fotografisches Behelfsmittel, für das ich mich phasenweise ganz stark begeistern kann und das ich letztes Jahr im Frühling und Frühsommer immer mal wieder dabei hatte. Das Gebäude, das in der „Wien im Glas“-Serie selbstverständlich nicht fehlen darf, das ich euch bisher allerdings vorenthalten habe, ist natürlich: Schönbrunn.

Wenn ich diese Bilder mit den weichen, pastelligen Gelbtönen anschaue, kann ich mir kaum vorstellen, dass ich das vielleicht in ein paar Wochen wieder spüren werde können. Sonne auf der Haut, weil die dicken Jacken wieder in den Kasten gepackt werden. Gefühl in den Fingern, wenn man mit der Kamera herumläuft und kein Matsch an den Schuhen. Frühling, Frühsommer. Eine herrliche Jahreszeit, die mit großen Schritten näherkommt, auch wenn noch nichts davon zu spüren ist.

blog_schönbrunn-glaskugel0Ich spüre die Menschen richtig aufatmen beim Gedanken daran. Und es wird dringend Zeit. Denn eines ist am Winter in Wien Ende Februar langsam wirklich unerträglich: die immerwährende Unzufriedenheit der Mitmenschen, die in diesem Monat vermutlich ihren Höhepunkt erreicht. Denn ich kann diese Missmutigkeit und diesen Frust nicht mehr lange ertragen, wo die trübe Stimmung und die kurzen und dunklen Tage ohnehin so sehr an meiner Kraft zehren.

Wien ist nicht unbedingt bekannt dafür, die freundlichste Stadt der Welt zu sein. Manchmal überrascht es mich ehrlich gesagt, dass Touristen nicht heillos abgeschreckt werden von dem, was wir schon fast zynisch „das goldene Wiener Herz“ nennen. Der Umgangston der Menschen untereinander ist, freundlich ausgedrückt, frostig.

Vielleicht bin ich gerade nicht ganz objektiv, verzeiht mir meine Wahrnehmungsverzerrung, es liegt wohl an den unzähligen Tagen, in denen ich mich zu nachtschlafener Stunde ins Büro schleppe und in Geschäften angeblafft werde, vielleicht weil auch meine Ausstrahlung schon einmal rosiger war als an Tagen nach wochenlangen unter-Null-Temperaturen mit wenig Sonnenschein.

Wien kann auch anders. Wien hat wunderschöne Seiten. Wien kann Weihnachten, wie vielleicht wenig andere Orte auf der Welt, weil der Kitsch sich in den kleinen Gässchen noch in Grenzen hält und trotz Großstadtflairs ein wenig Besinnlichkeit aufkommen darf. Wien kann Frühling, wenn die Bäume bunt werden und die ersten Lokale ihre Schanigärten herausräumen, mit Decken und Wärmelampen ausstatten und Kaffee und Kaiserschmarren in allen Variationen servieren. Wien kann Sommer (manchmal), wenn es nicht zu heiß ist und man die Nächte am Donaukanal, am Wienfluss oder im Museumsquartier verbringt. Wien kann Herbst, wenn alles bunt wird, das Laub zwischen den Füßen raschelt und die Stadt in diesen intensiven Farben erstrahlt, in der ihre ganze Melancholie erst richtig zum Ausdruck kommt.

blog_schönbrunn-glaskugel4Aber Wien kann nicht Winter. Wenn das Granteln und Sudern, für das man sonst charmante kulturelle Ausreden erfindet, zu einer Einheit verschmilzt mit der grautrüben Suppe, die man seit Wochen vor dem Fenster sieht und die die Glühbirnenersatzlampen nunmal nicht austreiben können. Wenn die Gesichter immer kleiner werden, weil die Schultern in den Jacken und die Ohren unter Hauben verschwinden. Wenn man nur mehr von A nach B hetzt, weil es draußen wirklich nicht mehr viel Sehenswertes zu entdecken gibt. Wenn einem die Decke der Stadt auf den Kopf fällt und man sich nach dem grünen Laubdach des Lainzer Tiergarten sehnt. Nach dem Geruch von Sommerregen.

blog_schönbrunn-glaskugel2Gegen Ende dieses zweiten Monats im Jahr erscheint mir der Alltag im Leben jedes Jahr aufs neue nicht mehr tragbar. Meine Ohren reagieren hochsensibel auf all die Unzufriedenheiten, an die sich die Menschen klammern und mit denen sie mir in denselbigen liegen, wohl weil ich mitunter selbst dagegen kämpfe, nicht von ihnen überschwemmt und in einem dunklen Strom mitgerissen zu werden.

blog_schönbrunn-glaskugel6Wir leben in einer wunderschönen Stadt, die mir nur in meinen misanthropischen Momenten durch die Menschen, die darin leben, verdorben wird.

Ich bekenne mich ganz offen dazu: ich bin Gargamel und meine Schlümpfe sind die Wiener. Sie alle gehen mir schrecklich auf die Nerven mit ihren lauten Stimmen und ihrem Genörgel, ihren langsamen Autos, ihrer Verkehrsregelignoranz und unumsichtigen Straßenüberquehrungen. Ihre unkoordinierten Fahrradanwandlungen und die trägen Bewegungen. Ihr Getelefoniere in Bussen und Straßenbahnen in meiner Sprache, die mich nervt, weil ich nicht weghören kann und in einer fremden Sprache, die mich nervt, weil ich sie nicht verstehen kann. Die Winterdienstfahrzeuge, die immer nur dann fahren, wenn die Sonne scheint. Die Freiberufler, die den ganzen Tag bei Starbucks und Soja Latte sitzen, während ich mir in Inzersdorf bestenfalls eine Käsekrainer beschaffen kann. Die hippen Lokale, die oft so unehrlich erscheinen. Die Aktivisten, die glauben, die Welt zu verändern, während sie im Kaffeehaus sitzen und auf Facebook moralisch korrekte Artikel posten.

Die Mentalität, dass alles scheiße ist, nur weil es besser sein könnte.

Vielleicht bin ich eifersüchtig und neidisch auf jeden von ihnen, weil ich mich selber grade so leid bin.

blog_schönbrunn-glaskugel5Aber die Sonne wird wieder kommen. Und dann wird alles vergessen sein. Dann werden wir uns alle freuen über die Schönheit der Stadt, über ihre kulinarische Vielfältigkeit. Wir werden uns kaum noch daran erinnern, wie nah wir am hyerventilatorischem Exitus waren, weil Montag früh 3mm Schnee fielen und scheinbar die Gesetze der Physik auszuhebeln drohten. Wir werden vergessen haben, wie wir die Augen verdreht haben, weil vor uns breit eine Familie dahinschlenderte, während wir im Dunklen außer Haus gingen und im Dunkeln erst wieder nachhause kommen.

Wir werden bei Starbucks sitzen und in Wiener Kaffeehäusern, Sommernächte am Wienfluss verbringen, uns von den bunten, blühenden Magnolien verzaubern lassen und uns nicht mehr daran erinnern, was uns jemals an diesem wundervollen Ort so gestört hat. Außer vielleicht die Menschen.