Es ist die besondere Art, mit der du sie einfängst. Oder sollte ich eher sagen „frei lässt“.

Diese wunderbaren Worte schenkte mir eine liebe Freundin unlängst, als ich mal wieder eines meiner geliebten Gegenlichtbilder im blauen Netzwerk geteilt habe. Ich war irgendwie besonders berührt von diesen Worten und sie hallten nach.

Die meisten Menschen, die Fotografie als ihr Hobby bezeichnen, denken vermutlich immer mal wieder darüber nach, was sie fotografieren und warum. Ob sie etwas wie einen eigenen „Stil“ haben. Was macht die eigene Fotografie aus? Weswegen investiert man denn überhaupt Zeit und Geld in die Dokumentation von Dingen, die ohnehin jeder über die Google Bildersuche sehen kann?

Darauf kann jeder nur seine eigene Antwort finden und es kann durchaus sein, dass sich diese Antwort im Laufe der Zeit verändert. Auch meine Antwort darauf hat sich über die Jahre gewandelt, wurde enger und weiter gefasst und ein wenig modelliert.

Während ich zunächst besonders viel Freude daran fand, Gegenstände des Alltagslebens durch eine Nahlinse zu betrachten und Perspektiven zu verändern, gezielt nach Farben suchte und lernte, welche Motive sich für Farbentzug eigneten, ist mein Auge nun eher auf der Suche nach dem perfekten Lichtmoment und nach den kleinen hübschen Dingen, die man ohne Sucher vor der Nase gar nicht erst bemerken würde. Vom Interessanten im Uninteressanten zum Unbemerkten im Alltag.

Ich liebe es, die eine Mohnblume zu finden, die auf der ansonsten kurz gemähten Wiese unseres sehr unspektakulären Firmenparkplatzes wächst.

Das eine Gras, die vielen Gänseblümchen, die Margeriten, die flauschige Hummel und immer wieder Enten.

Egal, wie oft man all das gesehen hat. Wenn man es bewusst ansieht, ist jedes davon immer wieder perfekt.

Ja, manchmal wäre ich gerne Dauerreisender zwischen Banff Nationalpark, Monument Valley, Tafelberg und Indischem Ozean. Wie wunderbar wäre es, jeden Tag die beeindruckendsten Orte dieser Welt zu betrachten, jeden Tag einen anderen?

Doch wenn ich ehrlich bin, stelle ich immer wieder fest, dass das keinen Unterschied macht. Jedes Leben hat Alltag. Jedes Leben hat Schattenseiten. Und jedes Leben hat seine Schönheiten, seinen manchmal versteckten Zauber. Wir müssen nur die Augen aufmachen und ihn sehen.

Wir alle gehen jeden Tag an den Flaumfedern vorbei, die sich zwischen den Gräsern verfangen, ohne ihre von der Natur modellierten, perfekten Strukturen zu entdecken. Wir alle fahren an Feldern vorbei, an denen knallrot der Klatschmohn blüht und in der untergehenden Sonne leuchtet. Wir alle kennen diese kleinen Tümpel, in denen die Seerosenblätter schwimmen und die Sonnenpunkte an der Oberfläche glitzern.

Ich möchte diese Momente einfangen und sie freilassen. Sie den Menschen zeigen, die tagtäglich auf ihr Smartphone starrend daran vorbei laufen und finden, dass ihnen nichts Schönes begegnet. Sie sind klein und unscheinbar, aber dennoch sind sie pure Natur, pures Leben, perfekt und einzigartig.

Das bessere ist der Feind des Guten.

Sehnsucht ist die kleine Schwester der Unzufriedenheit. Die Welt ist klein geworden, aber unsere Urlaubstage und unser Reisebudget nicht größer. Wir fühlen uns wie Tantalus, all die süßen Früchte über unseren Kopf, all das frische Wasser zu unseren Füßen, aber wenn wir danach greifen wollen, entweicht es uns.

Meine Fotografie ist ein Plädoyer an den Alltag, denn egal, womit wir unser Leben füllen, egal wie spektakukär das Erwirtschaften unseres Lebensunterhaltes sein wird, jedes Leben hat seine Routinen und die Erfüllung finden wir nur innen.

Die, die hier länger mitlesen, kennen dieses Thema sicherlich schon bis zum Erbrechen, da es immer und immer wieder in meinen Posts auftaucht, es ist das Schönbrunn meiner Gedanken 😉 Aber ich weiß nicht, ob man es sich oft genug in Erinnerung rufen kann:

Good enough is the new perfect.

Denn wer das Gute sausen lässt, aus Angst deswegen das bisschen Bessere zu verpassen, „wird sein Leben auf dem Flur verbringen“.

Die Mohnblumen sind immer und ganz besonders am 26.6. dem Menschen gewidmet, der sie seit nunmehr 11 Jahren nicht mehr selbst sehen kann und der mich gelehrt hat, dass alles im Leben ersetzbar ist – außer die Liebe ❤

56 Comments on “Frühsommerwiesenmohnblumenzeit.

  1. Das Leben hat Schönheiten und ich freue mich täglich in meiner Routine über die Schönheiten. Danke für deine tollen Gedanken und wunderbaren Bildern dazu
    LG Andrea

    • es ist echt toll, wenn du es so gut schaffst, dass du das in deinen alltag integriert hast. ich muss mich selbst immer und immer wieder daran erinnern. danke für deine worte!

  2. ein richtig toller, aufrichtiger Beitrag, dem ich nur zustimmen kann! Ich will diesen Satz nochmal hervorheben:
    „Egal, wie oft man all das gesehen hat. Wenn man es bewusst ansieht, ist jedes davon immer wieder perfekt.“
    Ich fotografiere ja unter anderem auch sehr viel Schmetterlinge und Marienkäfer und Tautropfen. Gerade die Marienkäfer sehen im Grunde imemr ähnlich aus 😉 Aber totzdem bekomme ich jedes Mal einen Herzkabasper, wenn ich einen sehe und MUSS ihn einfach einfangen, weil ich ihn so wunderschön finde. Zu dem richtigen Sehen werde ich auch noch einen Beitrag verfassen, denn ich finde es sehr wichtig, auf die kleinen Details zu achten und sie als die unvollkommene Schönheit anzusehen, die sie ist. Mein Tag ist so viel reicher, so besser und zufriedener, wenn ich früh morgens zum Sonnenaufgang fotografieren war. Und tolle Fotos! Mohn ist bei uns irgendwie sehr rahr gesäht dieses Jahr. Ich wünsche dir noch einen schönen Tag!

    • oh vielen dank, das freut mich sehr! ich denke, dass wir in unserer zeit einfach immer wieder glauben, dass dinge ständig neu sein müssen, um uns zu begeistern, um uns mitzureißen. reisen und kosmopolitisches jetset-leben ist das prestige des 21. jahrhunderts, aber das führt nur zu unzufriedenheit.
      marienkäfer sind super, warum habe ich schon sooo lange keinen mehr fotografiert? und schmetterlinge, das ist nämlich gar nicht einfach!

      ja die mohnausbeute ist nicht immer gleich. aber der nächste frühsommer kommt bestimmt!

      • Bitteschön! 🙂 Das stimmt, da gebe ich dir recht! Man will immer weiter, immer mehr, immer schneller…
        Haha ich bin mittlerweile die Marienkäfer queen 😀
        Omg ja, Schmetterlinge haben mir schon solche grauen Haare wachsen lassen 😀
        Da hast du Recht, das ist das gute, einfach ein jahr warten 😉

        • ganz genau. es ist natürlich etwas, das von den medien stark gefördert wird, wer immer mehr will, will auch immer mehr besitzen und ist dadurch natürlich ein guter konsument.
          ja manchmal nützt es nix – wenn die saison vorbei ist, darf man sich trösten, dass die nächste bestimmt kommt 🙂

  3. Ein schöner Text, es ist schon richtig immer wieder daran erinnert zu werden. Bilder sollten Gefühle vermitteln und genau das tun deine Fotos 🙂

    • danke! es ist ein thema, das immer wieder auftaucht. aber es ist etwas, das ich selber immer wieder vergesse und weswegen ich erinnerung gut brauchen kann. vielleicht geht es manch anderen auch so 🙂

  4. Schöner, nachvollziehbarer Text und vor allem wunderschöne Bilder! Besonders die dunklen Fotos mit dem „Lichtspots“ liebe ich sehr. Eine wundervolle Stimmung, die Du da in die Motive zauberst.

    • vielen lieben dank, das ist sehr schön zu hören und freut mich sehr. das ist ein preset, das ich mir mal gebastelt habe und das mir mittlerweile richtig gut gefällt, obwohl es das bild natürlich einigermaßen verändert. schön, dass es noch nicht zuviel davon ist 🙂

  5. Heute sprichst Du mir wieder einmal tief aus der Seele. Denn wenn ich fotografierend unterwegs bin, dann sehe ich all die Dinge, an denen andere einfach vorbeigehen. Sie gehen vorbei, starren in ihr Handy, nur um genau das Bild, das ich gerade Poste, anzusehen … Verrückte Welt. Ich bin dankbar dafür, dass ich die kleinen Schönheiten immer und überall finden kann und ich habe auch die Erfahrung gemacht, jeder Ort ist schön, man muss sich nur genau umschauen, dann wird man sicherlich Schönes finden. Danke Dir für die tollen Bilder und die berührenden Worte. LG sendet Marion

    • ja, gell. mir geht es genauso. ich sehe dinge, die ich sogar selbst übersehe, wenn ich ohne kamera am weg bin.
      danke für deinen lieben kommentar und deine zustimmung, es ist schön, wenn man mit dieser sichtweise nicht alleine ist!

  6. Komme gerade aus einer Woche Urlaub mit meinen Eltern im Allgäu. Da sie nicht mehr so gut zu Fuß sind, aber dennoch die wunderbare Landschaft genießen wollen, war das Tempo der Spaziergänge sehr langsam. Es war ein Genuss. Obwohl ich die Wege schon dutzende Male gegangen bin, gab es dank der Langsamkeit wieder völlig neue Eindrücke, auch für oder gerade wegen des Kamerablicks. Und das Schöne liegt auch in unserer unmittelbaren Nähe.
    Danke für Deine inspirierenden Worte und Bilder.

    • oh ja, das tut es. es ist sicher schwer zu sehen, wenn die eltern körperlich nicht mehr gut beisammen sind, aber selbst daran kann man schönes sehen. es freut mich sehr für dich, dass das gelungen ist! und manchmal braucht man tatsächlich begleitung, die das tempo nicht mithalten kann, dass man selbst auch mal langsamer macht und seinem auge die zeit gibt, dinge zu bemerken.

  7. Wildblumenwiesen üben immer einen gewissen reiz auf mich aus. Ich liebe die Schönheit dieser Einfachheit, diese Farbkraft, einfach toll. Die Dinge bewusst zu betrachten ist so einfach gesagt, so einfach getan, aber so viele Menschen können es nicht. Manchmal kann ich es nicht verstehen. Manchmal geht es mir auch so, in anderen Dingen wiederum. Die bewusste Kommunikation, das bewusste agieren von Mensch zu Mensch. Auch das könnte mit der notwendigen Konzentration viel einfacher sein, aber ich flüchte mich dann lieber in dem ich meine Umgebung bewusster betrachte. Ob das wirklich gut ist, weiß ich noch nicht so recht. 😉

    Es war schön, wieder einen Beitrag von dir zu lesen.
    nossy

    • ich kann das verstehen, manchmal kann ich es auch nicht. da nervt mich einfach alles an alltag um mich herum. zum glück vergehen diese phasen und sie weichen denen, in denen mir fast alles wie ein zauber erscheint. das leben ist eben ein ewiges auf und ab… ich glaube, jeder mensch hat da und dort seine schwierigkeiten und es ist gut, hilfreich und notwendig, seine strategien zu haben, wie man sich erstmal luft schafft. insofern ist es gut und richtig – für dich 🙂

  8. Liebe Paleica,
    wunderbare Fotos sind das, die eine ganz besondere Stimmung und Atmosphäre vermitteln. Dein eindringlicher Appell an uns alle, sich an den kleinen und alltäglichen Dingen zu erfreuen und das immer wieder, ist richtig und man kann es wirklich nicht oft genug wiederholen.
    Alltagsstress, Kummer, Sorgen, psychische und physische Befindlichkeiten lassen uns das immer wieder vergessen.
    Also hier das Fazit: Schönbrunn überrascht uns auch immer wieder…. 😉
    Angenehmen Wochenstart und lieben Gruß
    moni

    • liebe moni, ich danke dir herzlich fürs lesen und für dein unermüdliches immer-wieder-kommentieren, das gehört zu den dingen, die mich anspornen und mich mit freude bei diesem hobby bleiben lassen. das sollte auch mal gesagt werden 🙂 ich denke auch, dass es wichtig ist, sich immer wieder daran zu erinnern, weil man im alltag oft genug darauf vergisst und sich mitreißen lasst vom fluss der zeit.

  9. Da sprichst du mir aus dem Herzen, immer mit offenen Augen durchs Leben gehen, auch wenn es alltägliches ist, auch dafür sollte man immer offen sein. Bloß nicht abstumpfen. Ich gehe sehr bewusst mit allem um, keine Flüchtigkeit oder Oberflächlichkeit. Ich stelle immer mehr fest, dass ich mit oberflächlichen Menschen nichts anfangen kann. Auf dem Weg zur Arbeit fahre ich immer am Rhein vorbei und erfreue mich jeden Morgen an dem Anblick, denn es ist jeden Tag neu und etwas anders.

    Mohn ❤️ einfach nur traumhaft.

    • oh ja, du sagst es. nicht abstumpfen – das ist vermutlich eine der zentralsten messages des lebens. da gibt es auch ein lied einer steirischen band, s.t.s. heißen sie – „kalt und kälter“. das lied hat mich immer schon sehr berührt und tut es noch, weil ich auch selbst oft genug dagegen ankämpfe und es immer ein bewusster prozess ist, da wieder rauszukommen.
      mit der oberflächlichkeit geht es mir wie dir. wenn ich mich in meinem freundeskreis umschaue, gibt es keine menschen, wo floskeln getauscht werden. es geht uns allen irgendwie immer um das essenzielle im leben. das ist oft genug anstrengend, aber es ist auch schön und wertvoll.

      • ich kann auch gut sortieren, Freunde und Bekannte, die zum einen oberflächlich sind und vielleicht nur sich selbst der Nächste sind, die sind irgendwann draußen. Meine Zeit verbringe ich mit Menschen, die mir Spaß machen, auf die ich mich freue. Das ist unabhängig von sozialem Status oder Bildung.

        Tolles Theme, gefällt mir sehr

        • ja das ist bei mir auch so. es gibt einfach gewisse erlebnisse, an denen ich merke, dass jemand nicht in den engsten kreis passt. aber das ist einfach der gang der zeit. dass da „hard facts“ keine rolle spielen, finde ich persönlich auch schön. statussymbole haben in meinem umfeld eigentlich gar keine bedeutung.

  10. So schön! Das Besondere im Alltäglichen zu finden eine ganz besondere Begabung! Den Eiffelturm kann schließlich jeder fotografieren 😉

    • es ist irgendwie auch immer eine challenge finde ich. man kippt leicht rein in das beneiden der ganzen instagrammer und da tut es sehr gut, sich mal zwei stunden lang einer wilden wiese zu widmen 😉
      und JA ganz genau. obwohl es ja nicht schadet, den eiffelturm AUCH zu fotografieren. aber umso schöner, wenn man auch das rundherum entdeckt.

  11. Ein ausgezeichneter Beitrag! Wie wahr sind deine Worte, liebe Paleica! Und deine Bilder sprechen Bände! Ob nun Mohnblume oder Gänseblümchen; sie sind einfach super eingefangen. Ich liebe es auch, Dinge im Alltag genauer zu betrachten. Liegt doch soviel Schönheit darin verborgen.
    LG Esther

    • danke liebe esther! ja, das finde ich auch! schönheit gibt es so oft im kleinen, nicht nur im großen. aber man muss den willen haben, sie zu sehen!

  12. …wird sein Leben auf dem Flur verbringen. Herrlich Satz mit so viel Wahrheit. Wie oft wartet man auf den einen perfekten Moment. Und wartet. Und wartet vergebens. Und um einen herum gibt es doch so viel schöne andere Dinge zu entdecken. Du sprichst mir aus der Seele. Einfach mal machen, einfach mal starten und überrascht sein, wie viel schöne Dinge im Alltag auf einen Warten.

    • ja, nicht wahr! das ist wirklich eine meiner liebsten metaphern, grade weil dieses auf etwas besseres warten heute so omnipräsent ist. was man nicht alles verpasst und sausen lässt, weil es einem zu minder erscheint!

  13. Pingback: Coole Blogbeiträge Woche 28/2017 - Vorerst letzte Runde

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