Der Herbst mit Apfelaugen & mehr Gedanken zur [Wort] Zwiespältigkeit des Lebens

Zwiegespalten

Ein Wort, das mir Nina im Zuge des „Nur ein Wort“-Projektes geschenkt hat. Und zu dem ich eigentlich bereits einen Artikel verfasst habe. Allerdings habe ich festgestellt, dass das Wort noch viel mehr für mich ist.

Denn Zwiespältigkeit begleitet mich schon mein ganzes Leben. Ich finde sie wieder, immer und überall. Oder sie findet mich?

Ich liebe den Herbst, für sein Licht und seine Farben. Für die bunten Blätter und die sanfte Nachdenklichkeit – die sich meist gegen Ende der goldenen Tage in Melancholie verwandelt, die sich kurz vor Jahresende als düstere Schwermut entpuppt.


 

Ich liebe Menschen, dafür, dass sie in den Zug meines Lebens einsteigen und mich eine Weile begleiten. Für die sonnigen und schönen Momente, die lustigen, das Lachen, aber auch die Gespräche, die Orte der Reflexion des Negativen. Doch irgendwann steigen sie alle wieder aus und hinterlassen Lücken, Schmerzen, Narben.


Ich liebe Wien, weil ich Kultur, Natur und Kulinarik direkt vor der Haustür habe. Weil Interessen so vielfältig kaum sein können, dass es nicht innerhalb der nächsten Stunde Raum für sie gibt. Gleichzeitig lässt einen die Großstadt nie zur Ruhe kommen, man wird das Gefühl nicht los, etwas zu versäumen, während man gerade bei etwas anderem ist. Es ist nie genug, es ist nie das Richtige, es ist alles immer nur halb, man verlässt eines zu früh und kommt zum anderen zu spät und lässt sich vom Gefühl, dass das Leben viel zu kurz ist, immer wieder auseinanderreißen.


 

Ich liebe die Natur, denn sie gibt mir Ruhe. Sie lässt mich sehen, was ich im Alltag oft nicht sehen kann. Die kleinen Details, auf die es ankommt, die Schönheit in einer makroskopischen Welt, aber sie erinnert mich immer an die Vergänglichkeit und daran, dass nichts ewig Bestand hat auf dieser Welt.


Ich liebe die Möglichkeiten, die das Leben bietet. Die vielen Wege, die man gehen kann, um das Leben sein eigenes werden zu lassen. Es ist die Zeit und der Ort, wo Erwartungen von außen nicht gehorcht werden muss. Doch welcher Weg ist nun der richtige? So viele Entscheidungen wurden bereits getroffen, früher, aus falschen Beweggründen und zwanghaften Mustern. Wo bin ich? Bin ich richtig hier? Soll ich umkehren, anders abbiegen, weitergehen?


 

Ich liebe das Wasser, weil sich in ihm die Welt spiegelt. Es ist der Inbegriff der Reflexion. Es erfasst alle Sinne. Man riecht es, hört es, kann es fühlen und schmecken. Es ist schön und bunt, von weitem, wenn sich die Bäume spiegeln, die Enten darin schwimmen und die Blätter darauf tanzen. Es ist glitschig und widerlich, in der Nähe, wenn man hinein schaut, hinunter schaut und die bemoosten Stämme und der aufgeweichte Müll entdeckt.


Ich liebe den Himmel, den Inbegriff der Unendlichkeit, der Weiten, die die menschliche Vorstellung übersteigen. Die Wolken und die Sonne,  den Regen, den Schnee, manchmal sogar den Wind, wenn er an einem heißen Sommertag sanft über meine Haut streicht. Doch anders ist es, wenn alles nur grau ist und düster und das Tageslicht für Wochen nicht ausreicht.


Ich liebe die Berge, die so alt sind wie die Erde selbst und so unveränderlich scheinen. Die uns einladen, sie zu besteigen und von ihren Spitzen die Dächer der Welt zu überblicken. Die uns eine Illusion von Beständigkeit vermitteln, während sie uns einkesseln und uns Wege abschneiden, die wir nicht einfach gehen können.


Wie wirklich ist die Wirklichkeit?


Wieviel Beständigkeit hat unser Leben?


Es fließt dasselbe Wasser immer nur einmal über diese Felsen hinab.


Doch es ist immer dasselbe Element, das sich seinen Weg durch das Tal bahnt.


Es ist nie dieselbe Luft und doch die gleiche, die über die Hügel und Wiesen streicht.


Es sind nie dieselben Sonnenstrahlen, die wir als Lichtpunkte tanzen sehen und doch ist es immer dieselbe Sonne, die sie schickt.


Es sind nie dieselben Blätter, die am Wegesrand liegen – und doch stammen sie vom selben Baum.


Wir stehen mitten in unserem Leben und sehen ihm zu, wie es vergeht, während wir uns nicht entscheiden können, vorwärts zu gehen, uns umzudrehen, eine Richtung einzuschlagen oder einfach im Laub zu tanzen.


 

Wir sehnen uns zurück nach wärmeren Tagen.


Nach hellerem Licht.


Klarer Sicht.


Während sich die Natur um uns herum stetig verändert. Jeden Tag ein bisschen.


Währenddessen versuchen wir sie festzuhalten, so wie sie ist.


Sie zu konservieren, für den Moment, zumindest einen Augenblick lang.


Aber wir können sie nicht stoppen. Unaufhaltsam fallen die Blätter zu Boden und verschwinden, während wir uns nicht entscheiden können, uns dem Flow hinzugeben, mitzuschwingen, uns treiben zu lassen oder stehen zu bleiben.


 

Sollen wir bleiben? Sollen wir in die nächste Bahn steigen und wegfahren? Wohin? An den Stadtrand? Ans andere Ende der Welt? Mit wem? Sollen wir alleine gehen? Sollen wir unsere Freunde mitnehmen, unsere Familie? Wo ist der richtige Ort für uns? Für jetzt? Für später? Für immer?


Wir schauen zurück auf das was einmal war.


Auf die Vergänglichkeit, Momente und Menschen, die niemals wiederkommen.


Und kehren ihnen den Rücken zu.


Bis wir das Tor hinaus finden, in unsere Welt, an unseren Platz, vielleicht.

Alle Bilder aufgenommen mit dem iPhone5s.