In this world of troubles my music pulls me through.

Es ist 2008. Ich sitze am Schreibtisch vor dem ebenerdigen Fenster, das den Blick auf den Gehsteig freigibt. Es ist Herbst, irgendwo zwischen September und Oktober, es wird früh dunkel und es ist kühl in diesem Jahr. Vor allem in der Vorstadt sind die Abende feucht und klamm, vielleicht liegt es auch an der Wohnung, die Wohnung ist klein, sie ist nordseitig, hat hohe Räume, sie ist alt, sehr alt und in den Ecken ein klein wenig modrig. Sie ist schön, mit ihren Parkettböden und hohen Türstöcken und sie ist gemütlich, meine kleine Höhle, auch wenn ich sie mit Spinnen teile, immerhin ist es für ein paar Monate mein erstes eigenes Türschloss, hinter dem ich die Welt aussperren kann.

So lange habe ich auf diesen Moment hingefiebert, ausziehen, wenn auch nur für eine Zeit, mein eigenes Leben haben, selbständig sein, nicht immer bemerkt werden wenn ich nur aufstehe und auf Klo gehe, nicht jeden Schritt rechtfertigen müssen, kommen und gehen wann ich will, immerhin verbringe ich 40 Stunden in der Agentur plus ein paar weitere mit dem Studium, es ist Praktikumssemester und ein erster Ausblick aufs Erwachsensein.

Ein Erwachsensein, wie ich es mir nie vorgestellt habe, obwohl fast alle Parameter passen. Nur der eine nicht, der ist er, der bist du, der heute schon lange kein Du mehr ist.

Ich sitze da, am Schreibtisch, vor meinem Laptop, mit der Internetsteckkarte, die über mein Handy läuft und miserablem Empfang in dieser Erdgeschoßwohnung mit den hohen Räumen. Das Internet reicht nicht, es reicht nicht für den Blog, ein Glück gab es damals noch keine Streamingplattformen, auf deren Entzug ich hätte sein können. Schlimm genug, dass es für alles andere nicht reicht und in der Wohnung ist quasi kein Fernsehen, nur so ein altes, uraltes Röhrenteil, das empfängt ORF 1 und ORF 2 und noch zwei andere Sender, aber die rauschen alle und sind viel zu ernst. Viel zu ernst um mich abzulenken, um den Schmerz zu betäuben. Früher hätte ich in diesem Fall Musik gehört, Musik hörte ich in diesem Jahrzehnt zum Glück noch offline, Internet habe ich nur zum Download benötigt und das war ja planbar. Doch meine Musik, die konnte ich nicht hören, weil es da nichts gab, das abgelenkt hätte. Nichts, nichts, gar nichts, was ich hätte hören wollen hätte geholfen, weil sich jede Note aller Lieder die mir etwas bedeuteten, in irgendeiner Form um unser Leben gelegt hatte und damit in jedem Lied auch ein Stück von ihm war. Jede Erinnerung mit ihm war in einem Lied gespeichert. Die lustigen, die traurigen, die schönen, die schmerzhaften, sie alle hatten ihre Lieder. Die, die wir geteilt hatten und die, die ich nur für mich hatte. Aber selbst die hatte ich nicht ganz für mich, weil er so stark Teil von mir war, dass immer, wenn etwas bedeutsam genug war, ein Gefühl zu entwickeln, auch ein Stückchen von ihm innehielt.

Und so saß ich da, an diesem September- oder Oktoberabend 2008, mit einem angesteckten iPod an meinen iTunes und scrollte und scrollte und löschte und löschte, denn nichts, was ich fand, konnte ich ertragen. Nichts, nichts, gar nichts.

Alles fühlte sich falsch an, außer der Schmerz und der war zu stark als dass ich genug Raum dafür gehabt hätte. So stark, dass ich ihn immer nur in Etappen zulassen konnte, um nicht zu ersticken. Wie lächerlich ich mir manchmal vorkam, es ist doch nur eine Trennung, jeder hat doch schon mal eine Trennung erlebt und überstanden, dachte ich mir. Und doch brannte ein Schmerz in mir, der mich von innen erdrückte und erstickte, der in leisen, heißen und brennenden Tränen nach draußen drang und den ich nur aussperren konnte, indem ich all die Musik hinter mir ließ.

So fing es damals an. Es war an diesem Abend im Herbst vor 11 Jahren, als mir etwas verloren ging, das ich erst in diesem Sommer wieder fand.

Music was my first love. And it will be my last.