Was ist dein Motor?

Im Laufe dieses Sommers blieb ich – im Rahmen aller Youtube-Interviews, die ich leicht zwanghaft gewissermaßen in Dauerschleife ansehen musste, immer wieder bei einer ganz bestimmten Stelle hängen.

Entscheidend ist, nie zu vergessen: wer du bist, woran du glaubst und was dich antreibt.

Klingt erstmal logisch. Und banal. „Eh kloa.“ „Na no na“ sagt das Wiener Herz darauf. Aber ist es das wirklich?

Wer bin ich?

Eine Frage, die mir auch im Rahmen der Selbsterfahrung immer wieder gestellt wird. Wie deutlich ist das Bild von mir? Wie stimmig ist das, was ich denke und fühle mit dem, was ich tue? Wie ist die Fremdwahrnehmung im Vergleich zur Selbstwahrnehmung? Wie sehen mich andere? Wie sehe ich mich? Wie wichtig ist was davon und wofür?

„Wer bin ich?“ ist für mich wesentlich weiter gefasst als die demografischen Daten es sind, die einem vielleicht erstmal in den Sinn kommen. Es ist (für mich) die Frage nach der Essenz meines Wesens, nach dem, was mich als Individuum ausmacht, vielleicht nach der Beschaffenheit meiner Seele.

Wenn ich diese Frage dann beantworten kann folgt eine zweite auf dem Fuße: möchte ich diese Person sein?

Ich musste die Frage „Will ich so sein?“ lange mit „nein“ beantworten und habe in den letzten Jahren viel Zeit damit verbracht, einen Weg zu finden, das zu ändern. Dank der letzten Wochen und Monate sieht es danach aus, als würde sich das Bild vervollständigen, fehlende Teile auftauchen, farblose Konturen wieder gefüllt werden. Wer ich bin lässt sich hier nicht einfach beantworten, aber wer ich bin und wer ich sein will bewegt sich seit einiger Zeit wieder stetig aufeinander zu, weil ich mich an einen für mich fundamentalen Grundsatz halte, den ich aufgrund von viel Außeneinwirkung lange Zeit in meinem Leben verloren hatte: Offenheit. Offen zu mir selbst zu sein, zu meinem Gegenüber und zum Universum. Weg von der immerwährenden Diplomatie, dem Taktieren, dem Versuch, die Fäden in der Hand zu halten hin dazu, einfach zu sein und zu versuchen, mich dorthin treiben zu lassen, wo ich Platz habe wie ich bin, wo ich mich und andere mich viel deutlicher sehen können.

Woran glaube ich?

Ich wurde hier in Mitteleuropa in eine Kultur hineingeboren und mit einer Konfession getauft, die ich vor einigen Jahren abgelegt habe, weil es zu wenig ideelle Übereinstimmung für mich gab und auch anderes für mich nicht gepasst hat und passt. Das bedeutet jedoch noch lange nicht, dass ich Nihilistin wäre. Ich glaube an so vieles, doch lässt sich das fassen?

Zusammengefasst kann man das, woran ich glaube, vielleicht Energie nennen. Aber ich sehe sie eher innerhalb als außerhalb der Welt und für mich gibt es keinen „externen großen Plan“. Vielleicht gibt es einen freien Willen, vielleicht gibt es ihn nicht. Die Medizin ist sich nicht einig und wer bin ich, zu glauben, ich könnte es beantworten? In jedem Fall gibt es den Glauben an den freien Willen und dieser ermöglicht uns, für unser Leben Verantwortung zu übernehmen und es nach eigenen Maßstäben zu gestalten – zumindest hier wo wir leben.

Es ist vielleicht das größte Geschenk und Privileg das wir haben, wenn es auch sehr oft mit Schwierigkeiten kommt.

 

Ich bin nicht sehr talentiert im Glauben an Metaphysisches, aber ich glaube an Chemie und das ist für mich schon sehr nah dran an Zauberei. Durch all das ist der Fokus für mich jedoch im Hier und Jetzt, auf dieser Welt und es gibt eine Sicherheit, dass das, was wir hier tun, Bedeutung hat.

Und passender hätte die Überleitung nicht sein können:

Was treibt mich an?

Die einzige dieser drei Fragen, auf die ich – als ich sie im Juli zum ersten Mal so bewusst hörte – schlichtweg gar keine Antwort hatte. Große Augen, aus denen Fragezeichen kullerten und eine erschreckende Erkenntnis, dass ich es einfach nicht zu wissen schien. Und die Antwort auf diese Frage zu finden war letztendlich tatsächlich das letzte Quäntchen, das fehlte, um an anderen Orten auf einmal soviel klarer zu sehen.

Doch wie findet man so eine Antwort? Man denkt erstmal darüber nach. Es fallen einem massenweise Dinge ein. Bei jedem davon entsteht ein innerliches, zustimmendes Nicken, doch vieles davon kommt aus der eigenen „sozialen Erwünschtheit“, aus einer Wertung, wovon man gerne angetrieben werden möchte, weil die ehrliche Antwort auf diese Frage viel darüber enthüllt, wer man wirklich ist. Und das soll doch zumindest eine gute Geschichte sein.

Und davon bin ich tatsächlich überzeugt: wer offen zu sich selbst ist und seinen wahren Motor erkennen kann, der hat immer eine Geschichte zu erzählen. Wie sie einem gefällt steht auf einem anderen Blatt.

 

Meine Geschichte beginnt ziemlich genau vor der Hälfte meines Lebens. Ich habe, wie so viele andere Jugendliche auch, mit Pubertät und Identitätsfindung zu kämpfen, ich lebe in den Mechanismen meiner Familie, die für mich an vielen Punkten schwierig sind aber ich habe kein konfliktfreudiges Naturell, das entgegen aller Kräfte für sich einsteht, ich fechte eher im Inneren Kämpfe aus zwischen „Ich bin irgendwie anders, aber das ist OK“ und „du bist völlig verkorkst, mit dir stimmt einfach etwas nicht.“ (Interessant fand ich an dieser Stelle gerade, dass ohne nachzudenken die „freundliche“ Stimme als „ich“ und die urteilende als „du“ gesprochen hat, aber dies sei nur am Rande festgehalten).

Wie auch immer – all das mögen keine besonders außergewöhnlichen Struggles sein, mit denen sich mein Teenager-Ich herumschlug, aber jeder hat nunmal sein eigenes kleines Drama und meines wurde deutlich erleichtert, als das Wissen um Sigmund Freud, Alfred Adler und die Tiefenpsychologie in mein Leben traten. Ich habe unendlich vieles in all den Jahren meiner Schulzeit gelernt, das völlig spurlos an mir vorüberging, doch der Einblick in diese Erkenntnisse war vermutlich alles andere Wert und hat damals zum ersten Mal mein Leben auf den Kopf gestellt. Zum ersten Mal hörte ich von wissenschaftlichen Forschungen, die meinen eigenen täglichen Kampf thematisierten. Das bedeutete zum einen: ich bin nicht die einzige! Und zum anderen: eventuell bin ich doch ganz OK.

Dank dem ersten Hineinschnuppern in die Psychologie hatte ich zum ersten Mal Akzeptanz erfahren für das, was mich so sehr belastete. Sie gab mir ein Recht zu sein wie ich war, auch wenn ich nicht so ganz „passte“. Sie gab mir Selbstvertrauen und legte den Grundstein für so ziemlich alles, was ich heute bin und woran ich glaube (um den Kreis zu den ersten beiden Fragen zu schließen). Und sie ist das, was mich antreibt. Aber nicht nur für mich, ganz und gar nicht. Vor allem sehe ich durch das Gefühl, das mir all dieses Wissen geschenkt hat, eine Verpflichtung: es weiterzuerzählen. Und damit meine ich nicht, missionarisch Menschen Psychotherapien aufs Auge zu drücken, sondern zu sprechen, über meine Erfahrungen, über das, was ich weiß, um mit anderen Menschen, die ebenfalls Krisen erleben, dieses Werkzeug zu teilen, das Leben zu führen, das sie wirklich führen wollen, denn darauf läuft zum Schluss alles hinaus.

Meine Geschichte begann also vor ziemlich genau 16 Jahren und sie dauert bis heute an und wird auch (hoffentlich) noch bis zum Ende meines Lebens weiter gehen. Mir sind in der Zwischenzeit so manche Lehrmeister begegnet – und manche auch wieder abhanden gekommen – aber ohne sie alle wäre so vieles in und mit mir nicht passiert und jedem/r von ihnen gebührt meine Dankbarkeit. Und das ist es auch, was ich – so gut ich kann – für andere sein möchte. Es ist der Ursprung und der Grund für meinen Berufswunsch, die Motivation für lange Abende und Wochenenden, die sich doch so leicht und richtig anfühlen. Ich kann nicht singen oder tanzen um Menschen zu berühren und sie zum Nachdenken zu bringen oder ihnen etwas von mir mitzugeben – aber ich kann reden und reden lassen und darum werde ich alles daran setzen, diese Aufgabe, die ich jetzt auch endlich klar vor mir sehen kann eines Tages zu erfüllen.

Wer im Laufe seines Lebens an und mit sich arbeitet, in Resonanz ist mit sich selbst, wird dann, wenn man einmal abtreten muss, hoffentlich keines des 5 Dinge bereuen, die Bronnie Ware von Sterbenden so oft gehört hat – und was kann man schon mehr erhoffen?