Über das Loslassen, die Vergangenheit und die Zukunft.

Vor einigen Wochen ergab es sich, dass ich bei Dunkelheit durch den Ort fuhr, in dem ich zur Schule ging. Ich bin heute nur noch selten da, derzeit wegen dem Klettern wieder öfter, aber nur noch sehr selten um mit Freunden einen Abend beim Heurigen zu verbringen, so wie das früher üblich war. Ich bin nur noch selten da und noch seltener in der kalten Jahreszeit, abends, wenn es dunkel ist.

Es ist einer dieser Orte. Dieser Erinnerungsorte. Vielleicht mein stärkster. Als ich an diesem Dienstag Feiertag den beleuchteten Wehrturm sah, machte sich das typisch melancholische Novembergefühl in mir breit. Dieses Gefühl, das sich im Bruchteil einer Sekunde aus zig alten Erinnerungen zusammensetzt und gleichzeitig angereichert ist mit dem Schmerz der Vergänglichkeit.

Denn es ist nunmal das Leben, der Gang der Zeit. Lebensabschnitte verändern sich, gewisse Zeiten gehören der Vergangenheit an und sind verbunden mit Menschen, die sich entfernt haben. Nicht immer im beidseitigen Einverständnis. Manchmal ist es ein sehr einseitiger Beschluss und dennoch muss man ihn akzeptieren. Doch akzeptieren und loslassen, das ist etwas ganz anderes. Es kommt der Tag, an dem man bewusst zur Kenntnis nimmt, dass etwas nicht mehr so ist wie früher. Dass die Chemie nicht mehr so stimmt oder sich das Gegenüber (oder man selbst) nicht mehr so wohl fühlt. Eine Verbindung, die einmal bestanden hat, besteht nicht mehr. Man zieht die Konsequenz daraus und lässt die Verbindung ruhen, wenn man keine Möglichkeit sieht, die Chemie zu reinigen. Bis man diesen alten Lebensabschnitt allerdings wirklich loslassen kann, kann es noch sehr lange dauern.

Mit gewissen Dingen habe ich es bis heute nicht geschafft. Dieser gehört dazu. Immer wenn es Winter wird und die Tage kurz, immer wenn ich zu diesen Zeiten alte Wege kreuze, wird die Sehnsucht nach allem, was diese Zeit ausgemacht hat, groß. Und dann frage ich mich, ob es so sein muss. Ob das dazugehört. Große Gefühle beinhalten immer die Möglichkeit eines großen Verlustes. Vielleicht bedeutet es einfach nur, dass ich etwas hatte, das mich so geprägt hat, das ein Teil von mir geworden ist. Etwas, das bedeuten würde, einen Teil von mir selbst auszuklammern. Ich lebe heute an einem anderen Ort ein anderes Leben, das ich mir weitgehend ausgesucht habe und mit dem ich glücklich und zufrieden bin. Aber es gibt dieses „damals“, das ich in mir trage wie ein Geheimnis.

Es war eine turbulente Zeit mit unendlich vielen großartigen Momenten, die die Basis für den Menschen geschaffen haben, der ich heute bin. Ohne die Menschen, die mich damals begleitet haben, hätte ich mich nicht entfalten und entwickeln können. Diese Menschen haben mich begleitet, gefordert, zum Lachen gebracht und in die Verzweiflung getrieben. Wir haben geküsst, geliebt, gehasst. Wir haben einander in den hellsten und dunkelsten Stunden gesehen und gekannt, sie waren für mich da und manchmal auch nicht. Wir haben gestritten, getrunken, uns versöhnt. Wir sind miteinander und aneinander gewachsen, jeder für sich, alle zusammen. Wir waren eine Gemeinschaft, eine richtige, nicht nur eine, die per Zufall zusammengewürfelt wurde.

Manche Verbindungen haben gehalten, bis heute, andere haben sich schnell gelöst, andere erst in der letzten Zeit. Mit jeder einzelnen verbinde ich persönliche Erinnerungen, Geschichten, Erlebnisse, sie sind verantwortlich für Lachfalten und Tränen. Sie haben sich in die Muskeln meines Gesichts eingegraben und in meinen Augen niedergeschrieben. Schau mich an, dann siehst du sie alle.

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Dieser Text ist eine Hommage an die Vergangenheit und ein Wunsch an die Zukunft, dass ich irgendwann mit den gleichen Gefühlen auf das Heute zurückschaue. Heute werde ich 30.

[Danke an Nina Hrusa für die Fotos <3]