Bayern im Dezember: Neuschwanstein und Gedanken über Reichtum

In letzter Zeit denke ich viel über unterschiedliche Dinge nach. Nicht, dass das bei mir etwas Neues wäre. Nur die Dinge, über die ich nachdenke, verändern sich. Die meiste Zeit in meinem Leben drehte sich die Reflexion über dieses vorrangig um mich. Das hat sich verändert. Vielleicht aufgrund der politischen Situation im (westlichen) Weltgeschehen, vielleicht, weil ich mich durch meine Therapie verändert habe, vielleicht, weil ich älter geworden bin und meine Lebenssituation sich im Allgemeinen einigermaßen stabil anfühlt.

Es beschäftigt mich oft, wie hoch der monetäre Stellenwert im Leben vieler Menschen ist. Geld. Alles dreht sich darum. Man ist zu schlecht bezahlt, man hat zu wenig davon, die anderen verdienen zuviel. Ein permanentes Linsen nach links und rechts, oben und unten. Die Bösen und die Guten werden oft danach eingeteilt, wie dick das Bankkonto ist.

Reich = glücklich.

Ist das wirklich so? Und, vor allem, was ist reich?

Ist es nicht Reichtum, sich kurz vor seinem 30. Geburtstag in den Zug zu setzen, die Grenze zum Nachbarland zu überqueren und Zeit mit Menschen zu verbringen, die wir nur kennengelernt haben, weil wir die Möglichkeit haben, Internet zu benutzen?

Ist es nicht Reichtum, sich an seinem 30. Geburtstag einen Kindheitstraum zu erfüllen, ein Auto geliehen bekommen und das Disneytraumschloss zu besuchen?

Ich bin privilegiert. Ich lebe im Luxus. Ich lebe im Überfluss. Nein, ich kann mir keine Eigentumswohnung in Wien leisten, von einem Haus ganz zu schweigen. Nein, ich kann mir keinen Mercedes G-Klasse leisten. Nein, ich kann nicht erster Klasse nach New York fliegen (naja, einmal vielleicht). Aber ich kann mir eine Waschmaschine kaufen, wenn meine kaputt ist. Jederzeit. Ich kann meine Physiotherapie-Rechnungen bezahlen, die in Österreich nicht von der Krankenkasse übernommen werden. Ich kann auch am Ende des Monats noch – ohne darüber nachzudenken – frisches Obst kaufen. Überhaupt kann ich vom ersten bis zum letzten des Monats essen was ich will (meine Jeans sind da anderer Meinung, aber ihr wisst schon).

Ich kann mir kein Schloss bauen lassen und keine Insel kaufen. Aber ist das Reichtum?

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Reichtum = Freiheit.

Reichtum = Zeit.

Mein österreichischer Pass ermöglicht mir so ziemlich alles, das auf dieser Welt möglich ist. Ich kann gehen, wohin ich will. Ich kann leben, wie ich will. Ich kann sagen, was ich will (im gesetzlichen Rahmen. Ihr wisst schon.) Dennoch sind Unmut und Unzufriedenheit so viel größer als an anderen Orten. Wer viel hat, will immer mehr? Warum?

Ja, ich bin auch oft unzufrieden. Warum? Weil mir die Zeit durch die Finger rinnt. Weil ich nicht weiß, wie ich jemals all das, was ich erleben will, in ein verflucht kurzes Menschenleben packen kann. Weil manchmal alles schiefgeht. Weil sich das Universum manchmal gegen mich verschworen hat. Aber tief in meinem Inneren weiß ich, dass das Blödsinn ist. Manchmal hasse ich es, dass ich selbst entscheiden kann (muss), was ich mit meinem Leben anfange. Manchmal wünsche ich mir, dass mir die Gesellschaft Normen diktiert, damit ich Verantwortung abgeben kann. Weil ich es unglaublich anstrengend finde, zu wissen, dass ich selbst der einzige Mensch bin, den ich für meinen Lebensweg verantwortlich machen kann. Es wäre soviel einfacher zu sagen „Ich würde ja gerne, aber sowas kann man doch als Frau/Österreicher/Europäer/Weißer/… nicht machen.“ Ich muss nicht in einem Job bleiben, den ich hasse. Ich muss nicht in einer Beziehung bleiben, die mich unglücklich macht. Ich muss nicht Teil einer Religion sein, an die ich nicht glaube. Ich muss nichts – außer irgendwann diese Welt wieder verlassen.

Aber! Diese Welt ist mir nichts schuldig. Ich habe nicht GEFÄLLIGST einen Job zu bekommen, in dem ich mich selbst verwirklichen kann. Ich habe kein RECHT auf ein gutes Leben. Ich muss mein Leben zu einem guten Leben machen. Es liegt in meiner Hand. Mein österreichischer Pass eröffnet mir alle Möglichkeiten. Ergreifen muss ich sie gefälligst selbst.