Was ich aus meinem Kontakt mit Pferden fürs Leben gelernt habe.

 

Bei Seegeflüster las ich unlängst zwei Beiträge zum Thema Pferde, einmal unter dem Titel „Stallgeflüster“ und einmal unter „Mythos Pferdemädchen„. Da die Begeisterung meiner Eltern, Pferdegeruch und Stallmist im Auto herumzukutschieren, endenwollend war und auch noch Christopher Reeves Reitunfall kurz vor meinem ersten Kontakt mit den großen Vierbeinern stattgefunden hatte, waren meine Möglichkeiten, ein „echtes“ Pferdemädchen zu werden, begrenzt – um nicht zu sagen: nicht vorhanden. Dies sollte aber nicht bedeuten, dass meine tiefe Liebe für alles, das Fell und vier Beine hat, jemals wirklich verschwand. Sie war nur tief verschüttet und kam dank meiner Therapie sehr plötzlich wieder zum Vorschein und drang in mein Bewusstsein.

Ich stand vor der Frage: welche Dinge, mit denen ich meine Freizeit verbringe, bedeuten mir wirklich etwas? Bereichern mich? Geben mir Energie? Ich spoilere: die Antwort fiel nicht sehr positiv aus.

Auf einmal begriff ich, dass es da etwas gab, das mir in meinem Leben fehlte – und das war der Kontakt zu Tieren.

Daraufhin begann ich zu überlegen, welche Möglichkeiten ich hatte, trotz meiner haustierunfreundlichen Lebenssituation Tiere in mein Leben zu integrieren und landete bei den Pferden meiner Trauzeugin. Sie selbst besitzt einen Isländerwallach und ihr Vater eine Isländerstute. Da sie mich immer wieder eingeladen hatte, mit ihr zu den Pferden zu fahren, ich mir aber einfach die Zeit dafür nicht genommen hatte (mit Ausnahme des Fotoshootings, auf dem die Bilder entstanden sind), fragte ich sie nun, ob wir nicht gemeinsam mit den beiden spazieren gehen wollten. Da ihr Vater seine Stute aus gesundheitlichen Gründen des Pferdes nicht mehr reiten konnte, war auch sein Interesse an ihr etwas abgeflacht und ich dachte, ich könnte ihr etwas Gutes tun und mit ihr spazieren gehen und sie könnte mir etwas Gutes tun indem sie einfach ein Pferd an meiner Seite war.

Nach ein paar gemeinsamen Spaziergängen bot mir Iris an – wenn ich Zeit und Lust hätte – alleine zu den beiden in den Stall zu fahren. Das war der größte Vertrauensbeweis, den sie mir machen konnte und mein Herz hüpfte. Dennoch: als relativ unerfahrener Pferdemensch ist es eine große Verantwortung, mit einem Tier unterwegs zu sein, das fast das 5-fache von einem selbst wiegt. Und daraus habe ich sehr viel über mich gelernt.

Ein Pferd gibt dir einen Vertrauensvorschuss. Es ordnet sich dir unter und lässt sich von dir führen. Es spürt aber auch sofort jede Unsicherheit und reflektiert dich. Wenn ein Pferd nicht tut, was du willst, spürt es deine Schwäche. Um ein Pferd zu führen, brauchst du keine Gewalt. Du brauchst Selbstsicherheit. Ein Pferd ist groß, aber genauso sensibel. Es respektiert dich, wenn du klar in deinen Anweisungen bist.

Pferde mögen keine Hektik. Wenn du ungeduldig und unentspannt und mit den Gedanken wo anders bist, wird es unruhig. Abläufe dauern so lange wie sie dauern und man kann nur eine Sache nach der anderen machen.

Als ich letztens mit Aradis im Schlepptau durch den gatschigen Wienerwald spazierte, dachte ich darüber nach, wie sehr mich dieses Geschöpf verändert hat. Ein Pferd, das neben oder hinter mir her trottet, gibt mir meine innere Ruhe zurück. Ich kann in diesem Moment nur an diesem Ort sein, mit den Gedanken bei diesem Spaziergang, denn sobald ich abdrifte, tut sie das auch. Ich muss mich auf den Weg fokussieren, denn sie verlässt sich darauf, dass ich sie führe. In dem Moment, in dem wir uns den Weg durch den Wald bahnen, gelten all meine Gedanken nur dem nächsten Schritt – einen Weg zu finden, auf dem sich keiner von uns ein Bein bricht.

Ich bin ganz im Hier und Jetzt, an diesem Ort, bei mir und dem Pferd, das ich am Zügel führe. Und das ist ein unglaubliches Geschenk, denn ich hatte das eins sein mit mir und der Umwelt bereits völlig verlernt. Wenn ich will, dass wir spazieren gehen, bleibt auch das Smartphone in der Tasche, denn sobald ich mit der zweiten Hand mit etwas herumhantiere, machen die 400kg neben mir, worauf sie gerade Lust haben (meistens: stehen bleiben und alles fressen, was in Reichweite ist).

Bei unserem letzten Ausflug wurde mir das so richtig bewusst. Erst der Umgang mit Pferden hat mich (wieder) gelehrt, GANZ zu sein. Ganz da, ganz ich. Dank ihrer sensiblen Reaktion auf mich, habe ich selbst gelernt zu spüren, wann ich unsicher werde und beginne, Unsicherheit auszustrahlen. Sie hat mir gezeigt, dass Respekt durch die Übereinstimmung von Körper und Geist kommt. Wenn ich authentisch bin, wenn ich meine, was ich tue, dann folgt sie mir.

Ich habe gelernt, dass ich zuverlässig sein muss. Wenn ich sie mitnehme, dann ist es meine Verantwortung, sie wieder heil zurück zu bringen. Wenn ich sie besuche, dann gehört das volle Programm dazu. Bevor wir losgehen, muss ich kontrollieren, ob mit ihren Hufen alles in Ordnung ist, ich schmiere ihre offenen Wunden ein, die sie sich durch ihre Fliegenallergie im Sommer aufkratzt und ich stecke bis über beide Ohren in ihrem angeschwitzten und gelegentlich angekacktem Überwurf, den sie wegen der Allergie tragen muss, um ihn ihr nach einem Spaziergang wieder anzuziehen.

Gleichzeitig habe ich selbst gesehen, dass ich dazu in der Lage bin. Ich putze ihre Hufe und lande manchmal bis zum Knöchel im Gatsch. Wenn ich nicht aufpasse, latscht sie mir auf den Fuß, weil da drüben das Gras grüner ist. Aber ich traue mich. Ich traue mich, sie zu holen, ich traue mich, alleine mit ihr in den Wald zu gehen. Ich vertraue ihr, weil ich weiß, dass sie mir vertraut.

Wenn ich sie oft genug besuche, dann erkennt sie mich an meinen Schritten und kommt mich begrüßen. Wenn ich neben ihr stehe, versucht sie aus meiner Tasche die Karotten mit ihrer Nase herauszufummeln und stupst mich dabei mit ihrem Gesicht an.Wenn ich sie länger nicht besuchen komme, zieht etwas in meinem Herz, weil mir etwas fehlt.

Erst letztens sagte jemand (ein an sich sehr intelligenter Mensch) in einer Tischrunde: „Pferde sind doch ziemlich dumme Viecher.“ Ich nahm das überraschend persönlich und sagte nur darauf „Wieviele kennst du denn persönlich?“

Aradis hat mir so viel über mich selbst beigebracht. Vor allem hat sie mir etwas gezeigt, das ich völlig vergessen hatte: mich selbst wahrzunehmen und mir zu vertrauen.