Erinnerungen an Norwegen: Wasser und Landschaften in Graustufen & Wenn Veränderung spürbar wird

Manchmal, da tut man etwas und merkt, dass es anders ist. Eine kryptische Beschreibung für ein einfaches Erlebnis: als meine wunderbare Freundin Nina mich fragte, ob ich gemeinsam mit einer anderen ihrer Freundinnen die Eröffnungsrede zu ihrer Vernissage halten würde, sagte ich zu, obwohl ich wusste, dass sich diese Aufgabe weit außerhalb meiner Komfortzone befindet. Trotzdem war für mich aus zweierlei Gründen sofort klar, dass ich nicht nein sagen würde: Nina hatte ebenfalls ihre Komfortzone überwunden, als sie sich bereit erklärte, die Fotos für meine standesamtliche Hochzeit zu machen UND nicht umsonst habe ich „MUT“ als meinen Begriff für 2018 gewählt. Doch wie würde das laufen, wo vor fremden Menschen zu sprechen doch eine meiner größten Ängste ist?

 

Aus jetziger Sicht kam dazu noch ein vermutlich glücklicher Umstand: ich hatte davor sehr wenig Zeit, mir Gedanken darüber zu machen, wie es werden würde. Ich wollte Nina nicht enttäuschen, wusste aber, dass ich alles recht spontan auf die Füße würde stellen müssen. Ich bereitete mich vor, wie ich es von früher gewohnt war: Allgemeines Gerüst, Notizen, kleine Stichwortkärtchen, Wohlfühloutfit. Ich ging alles zweimal durch, bemerkte, dass ich einmal doppelt so lang sprach als das andere Mal und beschloss, das Endergebnis der Stimmung, der Situation und ein bisschen auch dem Zufall zu überlassen.

Als ich auf den erhöhten Stufen stand, zitterten meine Waden, ich war heillos dankbar für die Notizzettel, an denen ich mich „festhalten“ konnte – aber ich hatte sowohl meine Stimme, meine Atmung, meinen Stand und meine Augen recht gut im Griff. Das war eine neue Erfahrung, zumal eine emotionale Rede schon im Zwiegespräch für mich als leidenschaftlicher Schreiberling manchmal eine Herausforderung ist. Doch ich merkte, dass das Publikum bei mir war, an den richtigen Stellen lachte und als Nina dann noch ein paar Tränen zerquetschte, glaubte ich auch selbst daran, dass ich es ganz gut hinbekommen hatte.

 

Als ich dieser Aufgabe zusagte, hatte ich keine Ahnung, wie sie letztlich laufen würde. Für viele von euch mag das lächerlich, kindisch und unverständlich sein – aber mir haben Präsentationen und Reden bisher nicht nur Bauchschmerzen, sondern auch Alpträume oder gar schlaflose Nächte beschert. Sie waren immer mein „Endgegner“. Ich schrieb lieber zwei Wochen an einer Seminararbeit, als mich einmal mit einer Gruppe zusammenzusetzen und fünf Minuten ein Thema vor dem Plenum zu präsentieren. Ich musste immer Shirts zum Wechseln mitnehmen, da ich vor Panik so zu schwitzen begann, dass ich mich umziehen musste. Es war ein Horror und ich war richtig, richtig schlecht. Obwohl ich wusste, dass ich es könnte, hätte ich keine Angst. Was für ein schreckliches Paradoxon. Dennoch konnte ich diese Angst nicht überwinden.

Nun musste ich seit Jahren keine Präsentationen in einem ähnlichen Rahmen mehr halten – bis vor etwa einem Jahr in meinem ersten Semester an der Uni. Die bekannte Nervosität, mit der ich gerechnet hatte, blieb dieses Mal aus. Zum ersten Mal sprach ich normal und ohne Panikzustände vor einer größeren Gruppe – schob dies aber auf die Tatsache, dass der Herzmann mit von der Partie gewesen war. Doch zum ersten Mal spürte ich, dass nichts wirklich Schlimmes dabei sein muss, zu reden und vor allem: angeschaut zu werden. Wahrscheinlich war diese eine kleine Erfahrung nötig, um Ninas Bitte nachzukommen, die für mich dennoch nochmal ein ganz anderes Kaliber war. Immerhin war es einer der wichtigsten Abende in ihrem Leben, an dem ich meine Redezeit nicht nur wie sonst einfach irgendwie überstehen wollte, sondern ich wollte es schaffen, ihr etwas mitzugeben und den Gästen ein Bild von ihr zu zeichnen und zu vermitteln, warum es so toll ist, dass wir alle an diesem Abend genau dort standen. Für mich eine Mammutaufgabe, die ich geschafft habe.

 

Warum erzähle ich euch diese Geschichte? Weil ÄNGSTE, der Umgang mit ihnen und die Möglichkeit, sie zu überwinden, für mich ein großes Thema ist. Es ist ein großes Thema, von dem ich weiß, dass so unglaublich viele Menschen damit zu kämpfen haben (egal, wie die Angst auch heißen mag) und weil es mir selbst immer geholfen hat, von anderen zu lesen, die ihnen die Stirn geboten haben.

Wenn man etwas tut, das einem immer irre viel Angst gemacht hat und man auf einmal schafft, es gut zu machen, kann man spüren, wie man innen drinnen wächst. Wie etwas Verletztes heilt, wie etwas Schwaches stärker wird. Und ich habe mich gefragt: wie ist das möglich?

 

Als ich eines der vielen Seminare zum Thema Präsentationstechnik und Rhetorik in der FH absolvieren „durfte“, machte ich es so schlecht, dass der Vortragende in der Pause zu mir kam und mich fragte, warum ich denn so ein Problem damit hätte, denn wenn ich vorne stehe und spreche wirkt es, als würde mir jemand einen Revolver in den Rücken halten und damit drohen, abzudrücken. Ich werde das niemals vergessen. Es war für mich eine Horrorsituation und dann kam – vor den Augen der anderen – so etwas. Auch wenn er es gut gemeint hat, richtete er damit mehr Schaden an, als es nützte. Ich vermied alle Gelegenheiten, vor mehreren Menschen den Mund aufzumachen und nahm so ziemlich alles auf mich, um Präsentationen zu vermeiden. Und irgendwann, eines Tages, gefühlt ohne etwas dafür getan zu haben, ist die Angst nicht völlig verschwunden, aber in ein tragbares Maß geschrumpft, das vermutlich eher als „Lampenfieber“ durchgeht. Und das ist eine Wow-Erfahrung für mich gewesen.

Doch was ist passiert? Etwas ganz Einfaches und doch mitunter eines der kompliziertesten Dinge der Welt: ich hatte über die Jahre Selbstvertrauen gewonnen und da ich mich so einer Aufgabe so lange nicht stellen musste, nahm ich die Entwicklung und Veränderung als extrem krass war. Es war kein Schritt für Schritt, keine Gewöhnung, keine langsame Adaption. Es war damals furchtbar und auf einmal war es eigentlich ok.

 

Und was will ich damit sagen? Wenn wir uns mit uns selbst beschäftigen, dann erscheint dieser Weg steinig und manchmal auch völlig sinnlos, weil wir im Alltag nicht sehen, was sich verändert. Es ist hart und anstrengend und mühselig, oft will man am liebsten alles hinschmeißen und fragt sich „wozu das alles?“. Und dann stolpert man in eine Situation, aus der man selbst nur mit Erstaunen zurückbleibt, weil man auf einmal sieht: DARUM. Ich habe mich in den letzten Jahren so sehr verändert und auch, wenn ich nach wie vor oft in alte Muster zurückfalle, sind die neuen stark und lassen sich nicht unterkriegen.

Wenn ich im Rahmen meiner Therapie von Ängsten und Blockaden sprach, sagte meine Therapeutin oft „aber so sind Sie nicht auf die Welt gekommen“. Ich stimmte ihr zu und doch hat es lange gebraucht, bis mir die Tragweite dieser Erkenntnis bewusst geworden ist. So sind wir nicht auf die Welt gekommen. Wir wurden nicht geboren, um uns zu fürchten, um zu misstrauen und an uns zu zweifeln. Wer also sind wir wirklich, abseits all der anerzogenen Muster und Ängste, die wir inhaliert und verinnerlicht haben? Mein Weg ist, der Mensch zu werden, als der ich geboren wurde. Mit all meinen Talenten, Interessen, Fehlern, Schwächen und Unzulänglichkeiten. Wir verändern und entwickeln uns und das ist gut und richtig. Dennoch können wir als Kinder Vieles, das wir im Laufe der Adoleszenz (gezwungen werden zu) verlernen. Diese Fähigkeiten möchte ich wieder haben. Ich will essen, wenn ich Hunger habe. Ich will wissen, wann ich meinem Körper zuviel zumute. Wann ich Nähe brauche, welches Bedürfnis meines ist und welches jemand anderem gehört. Indem ich die Aktivitäten in meinem Leben verändert habe, habe ich mich verändert. Ich habe mehr von dem Wesen freigelegt und sein gelassen, als das ich mich selbst sehe. Das muss nicht besser oder schlechter sein als die Person, die ich lange war, aber sie ist echter, authentischer und ich fühle mich wohler in ihrer Haut. Nur so konnte ich meine Angst vor lebenden Gewässern überwinden. Nur so habe ich keine Angst, mich vor anderen Menschen zu zeigen und vor ihnen zu reden. Nur so kann ich MEINE eigenen Entscheidungen treffen.