Lost Place – eine verlassene Heilanstalt in Fenstern & Gedanken über die Empfindung von Bedeutungslosigkeit

Wie ihr sicher schon bemerkt habt, habe ich meine Fotostrecken von der verlassenen Heilanstalt thematisch aufgeteilt. Ein Teil davon zeigt Bilder von Fenstern – weil Fenster immer auch eng mit symbolischer Bedeutung verknüpft sind – durchsichtig sein, in die Ferne schauen, träumen, nicht direkt hinsehen. Und weil eben grade Fenster eine metaphorische Bedeutung haben, habe ich diesen Post dazu ausgewählt, ein paar meiner gegenwärtig präsenten Gedanken niederzuschreiben.

Einigen von euch ist vielleicht schon aufgefallen, dass meine Grundsatzgedanken in den letzten Monaten (wieder) deutlich aktiver geworden sind. Es ist ein bisschen, als hätten sie in den letzten Jahren einen verordneten Dornröschenschlaf gehalten. Verordnet deswegen, weil ich ihrer müde geworden war. Mein ganzes Leben lang schon ist es immer laut in meinem Kopf. Es dreht sich und bewegt sich, es hinterfragt und beurteilt, jammert, jubelt und will leiden oder verbessern. Das ist anstrengend. Ich hatte genug davon. Ich dachte, mit Ende meines zweiten Studiums und Beginn meines ersten wirklich studienbezogenen Vollzeitjobs sollte/könnte/müsste das nun ja wohl ein Ende haben – und habe die Gedanken schlafen geschickt. Eine Zeit lang dachte ich, dass Ruhe eingekehrt wäre, in meinem Kopf. Aber dann kam der Rücken – und irgendwann die Erkenntnis, dass sich die schlafenden Gedanken nun halt anderswo manifestierten. Als ich das begriff bemerkte ich langsam, dass das Grübeln keineswegs verschwunden, sondern nur ruhiggestellt worden war. Seitdem versuche ich es wieder zuzulassen und trotz aller Anstrengung willkommen zu heißen – und es zu nutzen.

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Vieles dreht sich um Zwischenmenschliches – und letztendlich um die Bedeutung, die es hat. Ich bemerke in den letzten Jahren verstärkt das Phänomen, „dass die Zeit immer schneller vergeht“. Doch das ist eigentlich nicht richtig. Es ist nicht die Zeit, die schneller vergeht, es sind die Momente, die weniger Bedeutung haben und einem rückblickend das Gefühl geben, nicht so viel Bemerkens- und Erinnernswertes erlebt zu haben, was wiederum dazu führt, dass die einheitlich wahrgenommenen Ereignisse sich „schneller“ anfühlen.

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Vielleicht geht es ja auch nur mir so, aber ich für mich muss definitiv sagen, dass es aktuell nicht besonders viele Ereignisse gibt, an die ich mich an 20 Jahren noch erinnern werde. Nicht, weil ich nichts Schönes erlebe. Aber einfach, weil es die Relevanz nicht mehr erreicht. Neutraler Alltagsflow statt Gefühlshochschaubahn.

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In einem sehr spannenden Artikel (den ich leider nicht mehr finde) habe ich darüber gelesen, dass durchschnittlich 70 % unserer Erinnerungen bis Anfang 20 abgespeichert werden. Für unser restliches Leben bleibt uns also weniger als ein Drittel Erinnerungskapazität zur Verfügung. Das liegt wohl daran, dass mehr Routine einkehrt, man mit weniger bahnbrechend Neuem konfrontiert ist, undundund. Das erlebe ich momentan einfach sehr deutlich. Die meisten Dinge, die ich mache, verschwimmen in den Gedanken, einzelne Ausflüge oder Treffen mit Freunden stechen selten heraus, auch wenn sie sehr schön sind.

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Es fehlt die Begeisterung, das absolute, die Vorfreude, das intensive Erleben des Moments. Irgendwann unterwegs scheinen mir diese Fähigkeiten abhanden gekommen zu sein. Natürlich genieße ich die Gespräche mit Freunden, bei gutem Essen. Sicherlich ist es schön, mit dem Herzkönig Bekanntes und Unbekanntes mit der Kamera zu erkunden. Aber nichts davon bleibt, so wirklich, wie damals, als die Nächte und die Sommer endlos waren.

blog_losthospital04


Dieser “Lost Place” wurde um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert erbaut, um die Tuberkulose, die in Berlin gewütet hatte, einzudämmen, indem die Kranken räumlich von den Gesunden getrennt wurden. Man hatte gerade herausgefunden, dass Tuberkulose eine übertragbare Krankheit war und reagierte auf das “Aussterben” der Stadt. Das Gebiet dort ist idyllisch und wunderschön, auch die Häuser wurden ansprechend und liebevoll gestaltet, um den Patienten das Gefühl zu geben, sich hier wohlfühlen zu können. Da es noch kein Antibiotikum gegen die Krankheit gab, war das das einzige, was man tun konnte, um die Heilung zu unterstützen. Zum Teil sieht man diese Bemühungen heute noch, beispielsweise in den Fliesenböden oder an den Wanddekorationen. Sie wurde als Trainingscenter für die olympischen Spiele genutzt und später als Krankenhaus für NS-Funktionäre. In diesem Krankenhaus selbst wurden keine Menschenexperimente von Nazis durchgeführt, man weiß allerdings, dass in Gesprächsrunden Pläne darüber geschmiedet wurden. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde das ehemalige Krankenhaus umfunktioniert zu einer russischen Militärkaserne, als die es auch bis zur Wende 1989 benutzt wurde. In der Nacht, als die Russen Deutschland verlassen mussten (so berichten Augenzeugen), wurde in riesigen LKWs die gesamte verblieben Einrichtung (Heizhaus, Sanitäranlagen, etc.) abgebaut und mitgenommen, weswegen auch innen alles leer ist.