Monochrome Strukturen und Linien in der Natur & [Wort] Nachsichtigkeit

Nachsichtigkeit

Dieses Wort schenkte mir Moni. Von ihr habe ich schon einmal ein tolles Wort bekommen, nämlich Loyalität. Der Begriff Nachsichtigkeit musste erst einmal sickern, und ploppte irgendwann klar und deutlich vor mir auf.

Der Duden sagt:

verzeihendes Verständnis für die Unvollkommenheiten, Schwächen von jemandem, einer Sache

Nachsichtig sein kann nur der, der versteht, was ein anderer zum Zeitpunkt des Geschehens nicht verstanden hat. „Sei nachsichtig, er wusste es nicht besser.“

Nachsicht ist eine großmütige Aktion, mit einem schmalen Grat zur Herablassung. Eine geistige Handlung, die auch einen selbst heilt. Wir alle tragen unsere Päckchen, wir alle haben unsere Narben und unsere Geheimnisse und jeder von uns hat es vielleicht einmal nötig, dass man nachsichtig mit uns ist.

Menschen tun Dinge, die andere Menschen verletzen. Jeden Tag und in allen Beziehungen. Dann gibt es diese Menschen, von denen man sich aufgrund solcher Dinge trennt oder die sich von einem trennen. Es gibt aber auch Menschen, die bleiben, obwohl im Laufe der Beziehung Verletzungen passiert sind. Manche, weil man sie nicht gehen lassen will, manche, weil man aus unterschiedlichen Gründen mit ihnen verbunden ist. Durch Freunde, durch Familie. Beziehungen mit diesen Menschen können nur dann trotzdem funktionieren, wenn man diese Verletzungen verzeihen kann.

Nun ist das Verzeihen von Verletzungen die eine Sache. Schwierig wird es insbesondere dann, wenn das Gegenüber keine Einsicht hat, vielleicht nicht einmal weiß, wie es einem damit geht. Wenn man es nicht sagen will, nicht sagen kann. Dann ist die große Frage: wie lassen sich alte Wunden überwinden? Vielleicht ist genau hier die Nachsicht des Rätsels Lösung. Hineinschauen in den anderen. Seine Motive hinterfragen. Verstehen, wovon er oder sie selbst getrieben wurde, sich so zu verhalten. Seine Schatten begreifen.

Denn vordergründige Handlungen haben fast immer einen Hintergrund.

Manchmal frage ich mich, wieviel freien Willen wir wirklich haben. Ich entdecke mehr und mehr Muster an mir, die getrieben sind von Erlebnissen, Ängsten und Verletzungen. Entscheidungen, die ich vermeintlich bewusst getroffen habe, denen ganz unbewusste Strukturen zugrunde lagen. Wir alle haben Muster, wir alle haben Narben, wir alle haben Ängste und Schmerzen – und handeln danach. Manche begeben sich auf Spurensuche, manche wollen ihre eigenen Rätsel lösen. Viele wollen nicht, andere können nicht, wieder andere wissen gar nicht, dass das möglich ist. Sie verstecken sich. Sie sehen das Licht nicht. All jenen ist man einen Schritt voraus. All jenen gegenüber kann man Nachsicht walten lassen, denn sie konnten nicht anders, sie wussten es nicht besser.

All jenen können wir vielleicht eines Tages verzeihen. Wenn nicht ihretwegen, dann unseretwegen.