Aller guten Dinge sind drei! Der Kern der Sache: der Kampf der Instanzen.

Es kostete mich nun wohl drei Texte und eine schlaflose Nacht, um endlich zur Quintessenz dessen zu kommen, was mir da im Inneren vorgeht, was ich zu fassen versuche. Es scheint ein Prozess gewesen zu sein, um sowohl mich als auch euch eine Art logische Abfolge zu präsentieren, die den Kern der Sache schlüssiger erscheinen lässt. Zuerst wollte ich das Unbewusste an sich erklären und wie ich es sehe, weil es das zentrale Element ist, das meiner Meinung nach die Dinge steuert. Im zweiten Text habe ich euch von meiner Methodik zur Traumdeutung erzählt – weil ich erst durch das Analysieren meiner nächtlichen Geschichten den Dingen auf die Spur gekommen bin.

Es ist diesmal nichts, das ich erzählen will, sondern es ist etwas, über das ich schreiben muss. So ein intrinsischer Drang, der keine Ruhe gibt, der mich von anderen Dingen abhält, wie arbeiten oder schlafen. Darum versuche ich es nun ein drittes Mal, in Erinnerung der Gedankenströme, die in der Nacht meinen Kopf so aktiv gehalten haben, dass er am Wiedereinschlafen gehindert wurde.

Ich beginne mit dem Gedanken, mit dem es nachts ebenfalls begonnen hat. Mit der Frage an mich selbst, warum Unstimmigkeiten im Leben, die sich in den oberen Ebenen der Maslow’schen Bedürfnispyramide (die aus psychologischer Sicht nicht mehr ganz aktuell ist, ich weiß, aber es ist ein einfaches und anschauliches Modell, darum ziehe ich es hier trotzdem heran) abspielen, sich für den Betroffenen genauso allumfassend anfühlen, genauso blockieren und das Leben beherrschen, wie Probleme an den unteren Ebenen, obwohl sie das Leben im eigentlichen Sinne nicht bedrohen.

blog_innenstadtapril16-15

Ich war früher ein Mensch, der sich seinem Schmerz gern lang und ausgiebig hingegeben hat, ich habe gebadet in der Traurigkeit und war sehr fokussiert auf Dinge, die ich nicht hatte, nicht tun konnte, nicht tun durfte. Ich habe mich gesuhlt in den negativen Dingen, ohne allerdings je die Möglichkeit zu entdecken, ihre Ursprünge aufzuarbeiten und Optimismus war sowieso nie meine große Stärke. Irgendwann, eines Tages, begann ich mich deswegen schuldig zu fühlen. Einerseits schuldig der Welt gegenüber, in der es mindestens 90% der Menschheit schlechter geht als mir und andererseits mir selbst gegenüber, da ich durch das Baden in negativen Gefühlen viel an Lebensfreude verpasste. So beschloss ich, quasi von einem Tag auf den anderen, dass dies nun ein Ende haben sollte. Genug gejammert, so schlimm kann es ja nicht sein, als weiße Mitteleuropäerin in der Mittelschicht ihr Dasein zu fristen. (Dass dieser Beschluss seinen Ursprung in einem ganz anderen, frühkindlichen Erlebnis hat, ist eine andere Geschichte).

Es ist schwierig für mich, in dieser Welt, in der soviele furchtbare Dinge passieren, in der Menschen soviel Grausames erlebt haben, mir selbst zuzugestehen, dass ich ein Problem habe.

Denn global gesehen habe ich kein Problem. Daher sagt mir auch mein Kopf: du hast kein Problem. Nur beeindruckt das meine Seele wenig, denn sie empfindet trotzdem Schmerz. Den Schmerz, der immer schon da war, den ich früher nicht begreifen konnte und der mich begleitet hat, weil er darauf gewartet hat, eines Tages verarbeitet zu werden.

blog_innenstadtapril16-17

Ich finde es anmaßend, in diese glückliche Situation geboren zu sein, in der ich zu Essen habe, in der ich mich nicht um ein Dach über den Kopf sorgen muss, in der eine Ausbildung selbstverständlich war, auch noch hinauszugehen und zu sagen „mir geht es schlecht“. Ich habe das Gefühl, kein Recht darauf zu haben. Aus diesem Grund habe ich mir auch lange selbst untersagt, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ich dachte mir, wer soviel Glück beim Roulette der Lebensverteilung hatte, der soll wenigstens mit diesen kleinen Dingen schaffen selbst fertig zu werden. (Ich hatte immer das Gefühl, dass meine Existenz auf Kosten anderer geht. Dass meine Bedürfnisse anderen Menschen Schaden zufügen.)

So eine Seele scheint sich jedoch nicht so leicht überlisten zu lassen. Nur weil der Kopf daherkommt und bestimmt, dass sie jetzt anders zu fühlen habe, ist ja noch lange nichts von dem gelöst, was davor Schwierigkeiten gemacht hat. Also beginnt dieses ungreifbare Etwas, die „Seele“, mit dem anderen ungreifbaren Etwas, dem „Unbewussten“, zusammenzuarbeiten und Signale an den Kopf (das bewusste „Ich“) zu senden. Signale, die sagen, hey du, so geht das aber nicht. Du kannst mich nicht ignorieren. Diese Signale werden stärker und drastischer – bis man irgendwann gezwungen ist, darauf zu reagieren. Die Seele spiegelt sich im Körper, man muss nur hinschauen.

Also wachte ich, nach vielen unterdrückten und ignorierten Signalen, am 7. Dezember 2013 mit starken Schmerzen auf und konnte mich kaum noch bewegen. Ab da begann eine kleine Odyssee, die hier immer wieder durchgescheint ist und von der die meisten vermutlich das eine oder andere schon mitbekommen haben. Auf einmal geriet alles irgendwie aus den Fugen, weil ich merkte, dass mein System „ich mache was sein muss und mein Körper macht mit“ nicht mehr umsetzbar war. Ich war allerdings noch immer nicht bereit, ernsthaft darauf einzugehen. Ich beschäftigte mich nur halbherzig damit – und zur großen Überraschung wurde die Situation immer schlimmer, bis ich mich dazu entschloss, dieser Sache endlich einen großen Teil meiner Aufmerksamkeit zu widmen.

blog_innenstadtapril16-18

Anfangs stand eine physische Diagnose und ein Therapieplan. Es dauerte jedoch nicht allzu lange, bis sich herausstellte, dass nur den Körper behandeln, wenn der Schmerz aus der Seele kommt, keine sehr nachhaltige Methode ist. Also begab ich mich nun endlich auf Spurensuche. Seither tue ich was ich tue und beschäftige mich damit. Ich grabe in meiner Vergangenheit und rekonstruiere mit Hilfe von Fotos, alten Tagebuchtexte, Briefen und Erinnerungen die Dinge, die mich geprägt haben. Im Moment steuert diese Aufklärungsarbeit mein ganzes Leben. Ende letzten Jahres dachte ich, nun endlich die Talsohle überwunden zu haben und dann kam etwas, was man in der Situation so gar nicht gut verkraften kann: ein Rückfall. Ein Rückfall in derartig tiefe Tiefen, die ich davor noch nicht kannte. Der jede Bewegung, jede Aktivität, jede wache Minute zu einer Herausforderung machte. Man wird mutlos und verzweifelt, weil man nicht versteht, was man schon wieder falsch gemacht hat – bis man bemerkt, dass man in einer derartigen Intensität in alte Muster gerutscht ist, dass der Aufschrei des Körpers fast nur logisch war.

Ich schrieb letzten Frühling darüber, dass die Erkenntnisse nur so auf mich einprasseln und ich kaum weiß, wie ich alles einordnen oder verarbeiten kann, weil sich gerade so vieles auftut, das jahrelang verschüttet war. Im Sommer schrieb ich, dass die Gedanken verstummt sind. Ich weiß nicht, warum da alles ins Stocken geriet, vielleicht war ich noch nicht soweit. Jedenfalls scheint das Werk in den letzten Monaten wieder ordentlich in die Gänge gekommen zu sein und da ist wieder Hoffnung, eines Tages wieder therapie- und schmerzfrei zu sein. Wieder Reisen planen zu können, weil Auto-, Zug- und Busfahrten, Flüge und Fußwege keine Stolpersteine mehr darstellen. Vielleicht wollte ich zuviel auf einmal. Vielleicht habe ich mich überschätzt und überfordert. Darum gehe ich es jetzt langsamer an. Ich plane im Moment nichts – eine der größten Herausforderungen an mich selbst. Ich versuche wieder bewusst, die schönen und kleinen Dinge vor der Haustüre wahrzunehmen. Ich kann wieder weinen. Ich fühle mich weniger gleichgültig.

blog_innenstadtapril16-18

Aber ich weiß, dass mein Weg noch nicht zu Ende ist, auch wenn ich mir noch so sehr wünschen würde, dieses ganze leidige Thema endlich in eine Schublade packen zu können und abzuschließen. (Kampf und Flucht sind keine validen Instrumente, um mit Seelenschmerzen fertig zu werden. Mein Kopf weiß das jetzt erstmal.)

Mein Unbewusstes vertraut meinem Bewussten noch nicht, weil es solange davon im Stich gelassen wurde. Weil ich mein innerliches Problem, das auf der besagten maslow’schen Pyramide weiter oben angesiedelt war, nicht anerkennen konnte, wurde daraus ein externes, ein paar Stufen weiter unten, das ich anerkennen musste und für das ich mich nicht verurteilt habe. Nun kämpfen in mir die Instanzen. Das Unbewusste kompensiert mit der Physis die Ängste, während das Bewusste nach Wunscherfüllung strebt. Diese beiden wollen leider sehr unterschiedliche Dinge, die sich nicht vereinbaren lassen. Darum werde ich nun lernen müssen, meine Ängste ernstzunehmen und sie soweit wie möglich aufzulösen, da es eigentlich gar nicht meine sind sondern welche, die ich im Laufe meines Lebens angelernt bekommen habe. Ich versuche zu akzeptieren, dass Gefühle vermutlich nicht an sozialen Status gekoppelt sind und ein Gleichgewicht zu finden zwischen der Wahrnehmung der allgemeinen Situation, die für mich ja eine sehr glückliche ist, und mir eine individuelle Berechtigung zuzugestehen, deswegen trotzdem nicht immer glücklich sein zu müssen. Ich denke, ich bin wieder auf dem Weg. Aber ich habe Angst, Angst beherrscht mein Leben momentan immer wieder, wenn auch unterschwellig. Ich habe Angst, dass der Weg vielleicht doch nicht der richtige ist. Angst davor, dass es wieder einen Rückfall gibt und ich wieder von vorne anfangen muss, weil mir dafür langsam die Kraft ausgeht. Angst davor, dieses physische Problem nie wieder ganz loszuwerden und gleichzeitig die absurde Angst, es loszuwerden und dann nicht damit klarzukommen, weil ich schon so daran gewöhnt bin und weil es ja einen Nutzen hat. Aber zumindest spüre ich sowohl die Angst als auch die Angst vor der Angst und das ist immerhin die Grundlage, um einen Weg zu finden, damit umgehen zu können. Ich habe Angst, nicht zu funktionieren und mein Leben mit Schmerz zu versäumen. Ich habe Angst, zu funktionieren und mein Leben durch Pflichterfüllung zu versäumen.

Um von der alten, holprigen Straße voller Schlaglöcher wegzukommen, muss ich eine neue Straße bauen, die ich abschnittsweise und vorsichtig teste, bis ich das Vertrauen aufbaue und sie öfter und öfter benutze und irgendwann sehe, dass sie mich ans Ziel führt. Und dieser Straßenbau beginnt mit einem ganz wichtigen Element: dem Gollum in mir sagen, dass er gemein ist. Und ein bisschen nett zu mir selbst sein.

blog_innenstadtapril16-01