Irland: Malahide // Mullach Ide & lautes Flüstern aus der Vergangenheit

Vor einiger Zeit schrieb ich einen Text zum Wort „Nachsichtigkeit“. Es gab in diesem Text schon Elemente und Hintergedanken einer Sache, die vor kurzer Zeit wie ein Wolkenbruch über mich hereingebrochen ist. Etwas, über das ich nicht schreiben kann und dennoch schreiben muss.

Ich schrieb damals:

Menschen tun Dinge, die andere Menschen verletzen. Jeden Tag und in allen Beziehungen. Dann gibt es diese Menschen, von denen man sich aufgrund solcher Dinge trennt oder die sich von einem trennen. Es gibt aber auch Menschen, die bleiben, obwohl im Laufe der Beziehung Verletzungen passiert sind. Manche, weil man sie nicht gehen lassen will, manche, weil man aus unterschiedlichen Gründen mit ihnen verbunden ist. Durch Freunde, durch Familie. Beziehungen mit diesen Menschen können nur dann trotzdem funktionieren, wenn man diese Verletzungen verzeihen kann.

Und folgerte danach eine Möglichkeit zu verzeihen, wenn man:

Versteh[t], wovon er oder sie selbst getrieben wurde, sich so zu verhalten. Seine Schatten begreif[t].

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Dies sehe ich nach wie vor so. Allerdings gilt es noch ein wenig zu differenzieren. Denn JA, unser freier Wille ist mit Sicherheit in gewissem Maße eingeschränkt und von unserem Unbewussten gesteuert. Dennoch ist es jeden Tag eine neuerliche Entscheidung, wie sehr man sich in seine Befindlichkeiten fallen lässt und damit andere Menschen verletzt. Und es ist ein Unterschied, ob das einmal oder eine zeitlang in einer Lebensphase passiert ist, oder ob das Verhalten an der Tagesordnung bleibt. Denn nur, weil man selbst Wunden trägt, bedeutet das nicht, dass man nicht fähig ist, den Schmerz, den man bei anderen Menschen verursacht, zu sehen. Es bedeutet nicht, dass der andere dafür Verständnis haben muss. Es ist keine Rechtfertigung und keine Entschuldigung, einen dritten zu verletzen. Es ist kein Freifahrtschein für konsequenzloses Handeln.

Jedes Wort, jede Tat zieht Konsequenzen nach sich. Es kann sein, wenn man großes Glück hat, dass es Menschen gibt, die sehr lange bereit sind, Erklärungen zu finden, warum ein Mensch, den man liebt, dieses und jenes tut oder gar nicht tut. Warum er dieses oder jenes sagt – oder eben auch nicht sagt. Es gibt aber dann auch diesen einen Punkt, an dem das Fass überläuft. Der berühmte letzte Tropfen, der die Oberflächenspannung zerreißt und eine ziemliche Sauerei veranstaltet. Der die gesammelten und weggesperrten Tränen einer verletzten Seele großflächig ausbreitet, wie einen See, der all die verdrängte Trauer nun ganz deutlich widerspiegelt.

Nun stehe ich hier, an diesem ruhigen Wasser und blicke hinein in Erinnerungen an all die Momente, in denen mich ein Blick oder ein Wort getroffen hat, ganz tief drinnen. An all die metaphorischen Grabsteine für die unzähligen Wörter, die ich verschwiegen habe, an all die Male, an denen ich still geblieben bin obwohl ich hätte schreien wollen.

Ich beginne mich zu erinnern, ich erinnere mich, an die Ruinen, die von uns schon einmal geblieben waren, an das neuerliche Aufbauen, an das Vertrauen, weil ich an Veränderung geglaubt habe. An die vielen schönen Momente, in denen ich dachte, dass es sich wirklich verändert hätte. An die erst schleichende, dann abrupte Kursänderung, zurück, in die andere Richtung. An die vielen Gespräche, in denen ich es gerechtfertigt habe, während derer ich verstehen wollte und nach denen ich mir gesagt habe, es ist nur eine Phase, es wird sich alles ändern. Und nun stehe ich hier, an diesem Wasser, an diesem Punkt, an dem ich viele Jahre zuvor schon einmal gestanden habe. Damals hatte ich eine Art jugendliche Entschlossenheit, ich hatte mich damit abgefunden, es war das Gefühl, ein Stück Rebellion vollziehen zu können und ich hatte gefühlten Ersatz. Der Durchgang war nicht verschlossen, aber vergittert. Ich hatte mich, mit Schmerzen zwar, aber doch in Sicherheit gebracht.

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Als sich der Ersatz nur als verkleideter Doppelgänger entpuppte, zerbrach in mir etwas, das uns gleichzeitig die Chance auf einen Neubeginn gab, die ich nur zu gern ergreifen wollte. Ich bin schnell unvorsichtig geworden in meinem einlassen. Ich habe es genossen und alle Hinweise, dass diese zweite Chance nicht so real ist wie ich glauben wollte, weggesperrt. Doch sie wurden aufdringlicher, lauter. Ich stellte sie ruhig. Ich schien noch einmal recht zu behalten.

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Und dann gibt es dieses eine Telefonat, diese eine Reaktion, die den Damm brechen lässt. Darauf folgt noch eine weitere und vor mir prangt ein Bild, so deutlich, so hässlich, so groß, so laut, so allumfassend mein Gesichtsfeld dominierend, dass ich nicht mehr wegschauen kann.

In leuchtenden Neonlettern prangt ein Wort vor mir. Ein großes E. Ein kleines großes Wort, das für mich alles verändert hat.

Ein Wort.

Eifersucht.

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Ein Wort, das mir ins Ohr flüstert: es war alles nur eine Illusion.

Die Bilder stammen von Malahide Castle, ein Schloss im County Fingal, etwa 20 Minuten entfernt von Dublin. Das Schloss entstand im 14. Jahrhundert und beheimatete die Familie Talbot, die schon seit dem 12. Jahrhundert auf dem Gelände lebte.