Zentraldfriedhof Herbst und Gedanken über Kopfkult vs. Körperkult

Diese großen, imposanten Friedhöfe sind für mich Orte der Reflexion. Diese Orte zwischen Leben und Tod, wo man der Endlichkeit Einlass in seine Gedanken gewährt, sind die Orte, an denen Platz ist über die Dinge dazwischen nachzudenken, die Dinge, die die Fugenmasse des Lebens sind. Zu dieser Fugenmasse gehören für mich Erwartungen von außen, gesellschaftliche Zwänge und Erwartungen von innen.

Auch, wenn mir der Grundstein dieses Gedankens nicht direkt auf dem Friedhof gekommen ist sondern daheim in der Küche, als ich das Muster meiner Arbeitsplatte betrachtete, passt er für mich zur Weite und manchmal drückenden Stille des Friedhofs. Denn es geht darum, dass wir Dinge tun und welches Gefühl wir dabei haben, weil uns von außen ein Gefühl oktroyiert wird.

Manche von euch möchten jetzt vielleicht den Zeigefinger erheben und sagen: aber das ist doch lächerlich. Wen interessiert’s, was die Leute denken? „Wir kommen und wir gehen ganz allein“ singt Reinhard Mey. Also ist es unser Leben, unsere Verantwortung, wir müssen mit unseren Entscheidungen leben. Dennoch sind wir wie einzelne Bäume, jeder für sich anders, die zusammen einen Wald ergeben, denn wir leben immer in einem sozialen Umfeld.

Und ich möchte euch recht geben, denn ich finde, man sollte sein Leben nach seiner Façon leben. Aber ich gehöre nicht zu denen, die es schaffen, darüber zu stehen. Ich wünsche mir Anerkennung von außen. Das ist vielleicht nicht sehr rühmlich, aber realistisch betrachtet werde ich das nie ganz loswerden.

Und nun komme ich zum Punkt: mein Leben dreht sich in vielen Aspekten darum, Erkenntnis zu erlangen. Erkenntnis über mich selbst, über die Menschen, über unser Dasein, über die Welt. Ich möchte verstehen, warum wir auf gewisse Arten agieren, ich möchte mein Leben bestmöglich leben, das beste herausholen. Ich verwende Zeit darauf Dinge zu lesen und ich investiere Geld, um mich selbst besser zu kennen und mich von unliebsamen Mustern zu befreien. Ich sitze Abende lang mit Freunden in irgendeiner Wiener Lokalität und kaue Dinge von hinten nach vorne durch, so lange, bis ich sie verstanden habe und ich sie aufarbeiten und abschließen kann.

Diese Prozesse brauchen Zeit, sie brauchen Geduld und sie brauchen Kraft und Energie. Ich behaupte, dass ich mich dadurch sehr viel weiterentwickelt habe, dass ich dadurch ein anderer Mensch geworden bin, der sein Potenzial besser nutzen und sein Leben bewusster leben UND der gleichzeitig auch andere Menschen bei dieser Suche unterstützen kann. Gleichzeitig hat dieser Prozess einen großen Nachteil: er ist nach außen hin nicht sichtbar. Oder doch, aber verkehrt herum. Diese Phasen sind anstrengend bis manchmal schmerzhaft und im Gegensatz zu körperlicher Betätigung führen sie bei mir zum Gegenteil: ich esse. Ich nehme zu. Und anstatt stolz zu sein, was ich geschafft habe, gibt es im Grunde nur Frust und Urteil darüber, dass das nach außen hin sichtbare nicht perfekt ist. Und dann frage ich mich: warum gibt es die Anerkennung nur dafür, in eine gewisse Konfektionsgröße zu passen, nicht aber über eine Errungenschaft psychischer Prozesse? Warum sind Zeitschriften voll von Ratschlägen, wie man schlanker wird aber nicht, wie man innere Ruhe finden kann? Oder schon, aber immer erst, nachdem man schlanker geworden ist. Und warum habe ich so oft das Gefühl, dass egal was für ein Mensch in meiner Haut steckt, egal wie schlau, lustig, erfolgreich und klug ich auch immer wäre, letztlich nur die Zahl auf der Waage zählt?

Ja, ich gebe zu, dass das natürlich jetzt alles ein wenig überspitzt, überzeichnet und übertrieben ist. Dennoch ärgert, schmerzt und frustriert es mich, dass dieses lächerliche kleine Detail, dieser Splitter meines Ichs, in der Welt da draußen von so großer Bedeutung ist. Dass man aus allen Richtungen Männer- und Frauengespräche hören kann, die über Haut lästern, die nicht straff genug ist während all die Summe dessen, das sich innerhalb dieser unstraffen Haut befindet, einen Menschen soviel mehr ausmacht.